Qatar

Ein Beitrag zum Themengebiet Allgemein, geschrieben am 14. August 2013 von Johanna

Es heißt Qatar. Nicht Quatar. Qatar. Just sayin‘.

P.S.: Man spricht es übrigens nicht wie „Katarrh“ aus.

Meldung und Wahrheit: Schweine und Moscheen

Ein Beitrag zum Themengebiet Computer & Internet, Gesellschaft, Islam, geschrieben am 17. Juni 2013 von Johanna

Dieser Tage grassiert mal wieder eine Meldung auf den sozialen Medien, die für viel Aufregung unter Muslimen sorgt:

„Ganz ohne Proteste oder rechtliche Schritte haben Bürger der spanischen Stadt Sevilla den Bau einer weiteren Moschee verhindert. Nachdem bekannt geworden war, dass eine staatliche Behörde der islamischen Gemeinde ein Grundstück zum Bau eines Gotteshauses verkauft hatte, vergruben sie auf dem Bauplatz ein totes Schwein. Anschließend sorgten sie dafür, dass die lokalen Medien über die Aktion berichteten. Das Schwein gilt im Islam grundsätzlich als unrein und sein Verzehr ist den Gläubigen nach dem Koran verboten. Aus diesem Grund ist die Errichtung einer Moschee auf einem durch einen Schweine­kadaver „verseuchten“ Gelände ausgeschlossen. Die islamische Gemeinde gab ihre Baupläne daher auf.“

Wenn man nach der Quelle dieser Meldung sucht, stellt man fest, dass sie ausschließlich auf Islamgegnerwebseiten wie pi-news oder reconquista-europa zu finden ist, dort aber überall wortgleich; sie stammt vom September 2011. Also schon einmal kein aktuelles Ereignis. Die interessante Frage, warum solche Sachen eigentlich periodisch immer wieder viral werden, ist hier zu vernachlässigen. Weiterhin stellt man fest, dass damals die Meldung offensichtlich inspirierend gewirkt hat, denn es gibt gleichartige, in diesem Fall aber auch in seriösen Medien erschienene Meldungen vom November 2011 über den Moscheestreit im schweizerischen Grenchen, in dem Moscheegegner versuchten, sich durch das Hinterlassen toter Schweine zu „wehren“. Das scheint die muslimische Gemeinde nicht am Weiterverfolgen ihrer Bauabsichten gehindert zu haben, wie man aktuellen Berichten der Lokalpresse entnehmen kann, aus denen auch hervorgeht, dass der Bau bislang am Fehlen eines Finanzierungsnachweises gescheitert ist.

Auf englischsprachigen Seiten tauchte die Sevilla-Geschichte schon im Herbst 2010 auf. PI & Co. haben also relativ lange gebraucht, um die Geschichte zur Kenntnis zu nehmen, und interessierten sich offenbar auch weder dafür, ob es einen Faktenhintergrund gibt (sie ergehen sich lieber in Begeisterungsstürmen über die schlauen Spanier und Bedauern über die armen Schweine), noch dafür, ob sich irgendwelche Muslime dadurch tatsächlich am Bau einer Moschee hindern ließen. Man hält Muslime auf diesen Seiten für so dumm und abergläubisch, dass man ihnen das ohne Weiteres zutraut.

Noch weiter zurück: Die NY Times behauptet 2008, das Ganze sei 2005 passiert, aber nur mit einem Schweinekopf und nicht mit einem ganzen Schwein. Schweineköpfe vor Moscheen zu deponieren oder hineinzuwerfen scheint – wenn man spezifisch danach googelt – in diversen Ländern Volkssport zu sein, insbesondere in Großbritannien. Es führt aber nicht dazu, dass die Moscheen abgerissen werden oder der Gebetsbetrieb eingestellt wird.

Wenn man zu dem angeblichen Vorfall in Sevilla 2005 spanische Meldungen sucht, geht es auf einmal um die Schlachtung eines Schweines auf dem potenziellen Baugrund, aber so richtig viele Reaktionen hat das offenbar nicht hervorgerufen. Und wenn man nach Gründen dafür sucht, warum die Moschee dann dort nicht gebaut wurde, kommen gar keine Schweineköpfe mehr darin vor, sondern es geht ganz einfach um ein Behördenveto gegen den Bau von Kultstätten auf staatlichem Land in Folge eines Gerichtsurteils. Das ist natürlich kein Schenkelklopfer für Islamhasser.

Die Kirchen in Saudi-Arabien

Ein Beitrag zum Themengebiet Gesellschaft, Islam, geschrieben am 30. Mai 2013 von Johanna

Es gibt keine Islamdiskussion hierzulande, in der sie nicht irgendwann auftauchen, so zuverlässig wie das Amen in der Kirche: Die in Saudi-Arabien gerade nicht existierenden Kirchen. Plus natürlich die Steinigungen in Saudi-Arabien, die Köpfungen in Saudi-Arabien, die zwangsverschleierten Frauen in Saudi-Arabien, das Autofahrverbot für Frauen in Saudi-Arabien, die Auspeitschungen in Saudi-Arabien… Aber in allererster Linie sind es immer wieder die Kirchen. Das liegt daran, dass sie so wunderbar in die der Debatte zugrunde liegende Logik passen: Wenn „ihr“ „uns“ gegenüber intolerant seid, dann braucht ihr gar nicht erst anfangen, hier Minarette bauen zu wollen! Da wären „wir“ ja schön doof, wenn „wir“ „euch“ das erlaubten.

Auf der banalen Ebene könnte man dazu zunächst mal sagen, dass die Menschenrechtspolitik irgendwelcher durchgeknallter Diktaturen (zu denen ich Saudi-Arabien rechne), uns nicht unbedingt zum Vorbild dienen sollte. Man müsste auch darauf hinweisen, dass es so ziemlich überall sonst in der islamischen Welt natürlich durchaus Kirchen gibt.

Mein Problem mit dem leidigen Argument ist aber ein ganz anderes: Es beruht im Kern auf der Gegenüberstellung von „uns“ und „denen“, die der ganzen Debatte zugrundeliegt. Und diese Gegenüberstellung führt ganz zwangsläufig dazu, dass Fakten oder Differenzierungen oder Rechtsnormen keine Rolle mehr spielen. Das „Wir“ in dieser Konfrontation ist dabei denkbar unklar definiert. Es sind „irgendwie“ die Europäer, die Christen (das wären dann auch Russland oder Lateinamerika?!?), vielleicht aber auch eher „die Säkularen“ oder „die Aufgeklärten“ oder auch nur die Deutschen – man weiß es nicht so genau. Eigentlich definiert sich das „wir“ vor allem aus dem scharfen Gegensatz zu „denen“, und das sind „die Muslime“; Überschneidungen gibt es per definitionem nicht. Ob ein nennenswerter Anteil dieser Muslime überhaupt aus Saudi-Arabien kommt oder sich mit der saudischen Politik identifizieren kann, interessiert dann nicht mehr. „Die Muslime“ müssen kollektiv die Politik Saudi-Arabiens verantworten, denn die begründet sich ja islamisch.

Genau, werden Verfechter des Kirchen-in-Saudi-Arabien-Arguments sagen: „Der Islam“ hat eben ein Problem mit dem Christentum, die Saudis setzen die islamischen Vorschriften nur konsequenter um als andere. In Wirklichkeit streben aber alle Muslime nach konsequenter Umsetzung dieser Vorschriften oder sollten es zumindest. Und spätestens da ist das Argument dann an dem Punkt angekommen, wo es sich von der Denkweise radikaler Islamisten in nichts mehr unterscheidet: Unabhängig von ihrer Sozialisation, ihren individuellen Denkweisen, ihrer regionalen Herkunft, ihrem Wohnort, ihrer Sprache müssen eigentlich alle Muslime dasselbe denken oder sie sind keine Muslime mehr. Dass die Fakten dagegen sprechen; dass weder in der Geschichte noch in der Gegenwart jemals ein nennenswerter Anteil der Muslim sein Leben an irgendwelchen religiösen Maximalforderungen ausgerichtet hat, das interessiert dann nicht mehr. (Dass die religiösen Maximalforderungen den Bau von Kirchen gar nicht verbieten, tatsächlich mit der potenziellen Ausnahme der arabischen Halbinsel, steht auf einem anderen Blatt.)

Gerade kam mir dazu ein schönes Zitat des eminenten sunnitischen Theologen al-Ghazali unter: „Es ist keine Sünde, auf die höchsten Stufen der Tugendhaftigkeit zu verzichten.“ So viel Pragmatismus – geht das „im Islam“ überhaupt? Tja. Es geht. Es geht übrigens auch, einen wohlwollenden Umgang mit Anhängern anderer Religionen als maximal tugendhaft zu definieren. Das tun heutige Muslime immer mal wieder. Dualistisches Denken verstellt leider den Blick auf diese Differenzierungen, und das ist schade, denn natürlich gibt es – z.B. an Ländern wie Saudi-Arabien – vieles zu kritisieren. Es macht nur keinen Spaß, das zu tun, wenn man genau weiß, wofür diese Kritik dann ausgeschlachtet wird.

Kein Zwang in der Religion: ʿAbd al-Raḥmān al-Saʿdī

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 18. Mai 2013 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt übersetze ich (in größeren Abständen) muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang”. Für diejenigen, die es interessiert, stelle ich meine Übersetzungen online.

ʿAbd al-Raḥmān al-Saʿdī (1889-1956) war ein saudischer Gelehrter, der im Laufe seines Lebens eine wachsende Unabhängigkeit von der hanbalitischen Staatsdoktrin entwickelte und seine Interessen auch auf unreligiöse Bereiche wie Dichtung ausdehnte. Sein Korankommentar zeichnet sich durch sehr unabhängige Erörterungen aus, die sich nicht eng an früheren exegetischen Diskursen orientieren, obwohl diese durchaus in seine Überlegungen einfließen.

Gott der Erhabene unterrichtet uns darüber, dass es keinen Zwang in der Religion gibt, weil es ohnehin nicht nötig ist, irgendjemanden zu ihr zu zwingen. Denn Zwang ist nur notwendig für Dinge, für die [d.h. für deren Wahrheit] die Zeichen verborgen und die Spuren unlesbar sind, oder für Dinge, die der Seele aufs Äußerste verhasst sind. Diese wahrhafte Religion und dieser gerade Weg jedoch, deren Zeichen sind jedermanns Verstand offenbar geworden und die Wege zu ihr sind deutlich. Alles an ihr ist offenbar geworden, und die Rechtleitung wurde vom Irrtum geschieden. Wem Glück beschieden ist, der wird, wenn er nur den flüchtigsten Blick auf sie wirft, sie vorziehen und sich für sie entscheiden. Wer jedoch schlechter Absicht und bösen Willens ist, von bösartiger Gemütsart, der sieht die Wahrheit und entscheidet sich statt für sie für den Trug; der sieht das Schöne und neigt stattdessen dem Hässlichen zu. So jemanden braucht Gott nicht zur Religion zu zwingen, denn das würde zu nichts führen und wäre nutzlos. Wer die Religion unter Zwang annimmt, dessen Glaube ist nicht echt.

Der Vers bedeutet nicht, dass man den Kampf gegen die kriegführenden Ungläubigen unterlassen soll. Vielmehr geht es in ihm darum, dass die Religion in Wahrheit von jedem zwangsläufig angenommen werden muss, dessen aufrichtige Absicht die Befolgung der Wahrheit ist. Was aber den Kampf und dessen Unterlassung angeht, so geht es in diesem Vers überhaupt nicht darum. Die Pflicht zum Kämpfen lässt sich vielmehr anderen Texten entnehmen. Jedoch deutet der Vers darauf hin, dass man die Jizya auch von anderen als den Schriftbesitzern nehmen kann, wie es auch viele Gelehrte meinen.

Al-Saʿdī scheint zunächst Ibn Kathīr (Übersetzung hier veröffentlicht) wiederzugeben, allerdings mit deutlich anderen Formulierungen: Während es bei Ibn Kathīr ganz eindeutig Gott ist, der den Menschen zum Glauben oder Unglauben zwingt, entscheidet bei al-Saʿdī gegen alle sunnitischen theologischen Konventionen der Mensch selber. Wie einige andere Exegeten vor ihm, etwa al-Zamakhsharī und al-Bayḍāwī, versteht al-Saʿdī den Vers als ontologische Aussage über den Weg zum Glauben, nicht als rechtsrelevantes Gebot; er ist in dieser Hinsicht aber deutlich entschiedener und expliziter als frühere Exegeten. Seine Aussage, der Vers sei in keiner Weise als Absage an den Jihad zu verstehen, scheint perfekt ins wahhabitische Dogma zu passen. Völlig überraschend und unkonventionell dann aber der letzte Satz: Die Jizya könne man auch von anderen als den Schriftbesitzern nehmen, d.h. mutmaßlich von allen Nichtmuslimen, die nicht gegen die Muslime Krieg führen – und diese dürften dann auch bei ihrem Glauben bleiben. Damit schließt er den Zirkel zum  frühen Korankommentar von Muqātil b. Sulaymān (Übersetzung hier veröffentlicht), der genau diese Auffassung vertrat, die dann aber wenig Resonanz fand, weil sie dem Konsens der allermeisten Rechtsgelehrten so klar widersprach. Al-Saʿdī präsentiert sich hier also als wahrhaft unabhängiger Geist.

Kein Zwang in der Religion: Al-Shawkānī

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 18. Mai 2013 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt übersetze ich (in größeren Abständen) muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang”. Für diejenigen, die es interessiert, stelle ich meine Übersetzungen online.

Al-Shawkānī (1760-1835) aus dem Jemen ist einer der herausragenden Protagonisten islamischer Reformbewegungen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, also einer Zeit, in der es noch nicht oder nicht primär um die Auseinandersetzung mit Europa ging, sondern eher um die Behebung als solcher empfundener innerer Missstände. Nach al-Shawkānīs Auffassung war das vor allem die mangelnde Orientierung der Gelehrten an Koran und Sunna. Auf der Grundlage seiner strikten, aber nicht unreflektierten oder rein buchstäblichen Quellenorientierung entwickelte er eine Methode der Auslegung des Korans, die er außerordentlich stringent und mit hoher analytischer Schärfe anwendete.

Die Gelehrten sind unterschiedlicher Auffassung über die Bedeutung von Gottes Aussage „In der Religion gibt es keinen Zwang“.

Die erste Ansicht ist, sie sei abrogiert [durch einen später geoffenbarten Vers ersetzt] worden, denn der Gesandte Gottes habe die Araber zum Islam gezwungen, bekämpft und nichts anderes von ihnen als den Islam akzeptiert. Die abrogierenden Verse seien in diesem Fall Q 9:73: „Prophet! Setze den Ungläubigen und den Heuchlern heftig zu!“ und Q 9:123: „Oh ihr, die ihr glaubt! Kämpft gegen diejenigen von den Ungläubigen, die euch nahe sind. Sie sollen merken, dass ihr hart sein könnte. Wisset, dass Gott mit denen ist, die ihn fürchten“ und Q 48:16: „Ihr werdet zu einem Volk aufgerufen werden, das über gewaltige Kampfkraft verfügt, um sie zu bekämpfen, falls sie sich nicht ergeben [oder: den Islam annehmen]“. Diese Auffassung haben viele Exegeten vertreten.

Die zweite Meinung lautet, dass der Vers nicht abrogiert worden sei, sondern sich vielmehr speziell auf die Schriftbesitzer beziehe. Diese werden nicht zum Islam gezwungen, sofern sie die Jizya bezahlen, sondern wer zum Islam gezwungen wird, das sind die Heiden. Von diesen wird nichts außer dem Islam akzeptiert; die Alternative ist das Schwert. Die Auffassung vertraten al-Shaʿbī, al-Ḥasan, Qatāda und al-Ḍaḥḥāk.

Die dritte Ansicht ist, dass dieser Vers sich speziell auf die anṣār (die medinensischen „Helfer“) bezieht; dazu später noch mehr.

Die vierte Ansicht ist, dass der Vers bedeutet, man solle nicht über denjenigen, der unter dem Schwert den Islam annahm, sagen, er sei gezwungen worden, denn es gebe keinen Zwang in der Religion.

Die fünfte Ansicht besagt, dass man Kriegsgefangene, die zu den Schriftbesitzern gehören, nicht zum Islam zwingen solle.

Ibn Kathīr schreibt in seinem Korankommentar: „Zwingt niemanden, der Religion des Islams beizutreten, denn diese ist klar und deutlich [als richtig erkennbar], und die Beweise für sie sind über jeden Zweifel erhaben. Daher ist es nicht nötig, jemanden zum Beitritt zu ihr zu zwingen, sondern wen Gott zum Islam leitet, wem er das Herz und die Augen öffnet, der tritt ihm erwiesenermaßen bei. Wessen Herz Gott aber blind macht und wessen Gehör und Blick er versiegelt, dem wird ein gewaltsam erzwungener Übertritt nichts nützen.“ Dies sollte als sechste Meinung angesehen werden.

[Al-Zamakhsharī] schrieb im Kashshāf in seiner Auslegung dieses Verses: „Er heißt: Gott lässt den Glauben nicht durch Zwang und Nötigung geschehen, sondern durch Befähigung und freie Wahl. Dementsprechend hat er gesagt: ‚Und wenn dein Herr gewollt hätte, wären die, die auf der Erde sind, alle zusammen gläubig geworden. Willst du nun die Menschen (dazu) zwingen, das sie gläubig werden?‘ (Q 10:99) Das heißt: Wenn er gewollt hätte, hätte er sie zum Glauben gezwungen. Aber das hat er eben nicht getan, sondern den Glauben auf die Grundlage freier Wahl gestellt. Dies sollte als siebte Meinung angesehen werden.

Was betont werden muss und erfordert, dass wir näher darauf eingehen, ist, dass der Vers dem Grund zufolge, bezüglich dessen er geoffenbart wurde, eindeutig gültig und nicht abrogiert ist. Dieser Grund bestand darin, dass, wenn eine Frau von den anṣār keinen überlebenden Sohn hatte, sich auferlegte, dass, wenn ein Sohn von ihr überlebe, sie ihn zum Juden mache. Als die Juden von den Banū l-Naḍīr [einer der jüdischen Stämme von Medina] vertrieben wurden, waren unter ihnen Söhne der anṣār, welche sagten: „Wir lassen unsere Söhne nicht ziehen!“ Daraufhin kam der Vers herab. Das überliefern Abū Dāwūd, al-Nasāʾī, Ibn Jarīr, Ibn al-Mundhir, Ibn Abī Ḥātim, Ibn Ḥibbān, Ibn Mardawaih, al-Baihaqī in den Sunan und al-Ḍiyāʾ in seiner Auswahl der Überlieferungen über Ibn ʿAbbās. Diese Geschichte existiert in verschiedenen Varianten, deren wesentlicher Punkt das ist, was Ibn ʿAbbās berichtete, mit Hinzufügungen, die umfassen, dass die anṣār sagten: „Wir haben ihnen ihre Religion, also die der Juden, gegeben, weil wir sahen, dass ihre Religion besser war als die unsere. Nun brachte Gott den Islam, und den zwingen wir ihnen auf.“ Als dann der Vers geoffenbart wurde, ließ Gott den Söhnen die Wahl und zwang sie nicht zum Islam. Dies hat zwingend zur Folge, dass die Schriftbesitzer nicht zum Islam gezwungen werden, wenn sie sich entscheiden, bei ihrer Religion zu bleiben, und die Jizya zahlen.

Was aber die Leute des Krieges [d.h., die Ungläubigen, die keine Schriftbesitzer sind] angeht,so umfasst der Vers sie auch, denn die Verneinung des unbestimmten Nomens [„Zwang“] in Kombination mit dem bestimmten Nomen [„Religion“] hat solch eine allgemeine Bedeutung zur Folge. Im Grundsatz folgt die Auslegung dem allgemeinen Wortlaut des Verses, nicht den Spezifika des Offenbarungsanlasses. Allerdings wird dieser allgemeine Wortlaut eingeschränkt durch die Verse, die darüber vorliegen, dass die Leute des Krieges unter den Ungläubigen zum Islam gezwungen werden.

[Es folgt die Auslegung des zweiten Versteils und des Folgeverses. Dann kommt, wie immer bei al-Shawkānī, ein zweiter Teil mit normalerweise unkommentierten Hadithen zum Vers, die er aus al-Suyūṭīs al-Durr al-manthūr entnommen hat.]

Eine Reihe von Exegeten [die al-Shawkānī namentlich aufzählt] führen den zuvor genannten, auf Ibn ʿAbbās zurückgehenden Offenbarungsanlass zu dem Satz „In der Religion gibt es keinen Zwang“ an. Er [Ibn ʿAbbās] fügte hinzu: Der Prophet stellte die Söhne vor die Wahl [beim Judentum zu bleiben oder den Islam anzunehmen]. Verschiedene [wiederum namentlich genannte] Exegeten überliefern von al-Shaʿbī eine ähnliche Geschichte. Dieser sagte [außerdem]: Zu ihnen, d.h. den Banū l-Naḍīr, hielt, wer nicht den Islam annahm; wer den Islam annahm, der blieb. Eine Reihe von [namentlich genannten] Exegeten berichtet über Mujāhid, dieser habe gesagt, einige der anṣār seien bei den Banū Quraiẓa [ein anderer jüdischer Stamm aus Medina] aufgezogen worden und hätten deren Religion fest angenommen. Als dann der Islam kam, wollten ihre Leute sie zum Islam zwingen, woraufhin der Vers herabkam. Ibn Jarīr [al-Ṭabarī] berichtet über al-Ḥasan Ähnliches.

Ibn Isḥāq und Ibn Jarīr überlieferten, Ibn ʿAbbās habe über den Vers gesagt, er sei geoffenbart worden mit Bezug auf einen Mann unter den anṣār, einen al-Ḥaṣīn aus der Sippe der Banū Sālim b. ʿAuf, der zwei christliche Söhne hatte. Er selber war Muslim. Er sagte zum Gesandten Gottes: „Soll ich sie nicht zwingen? Sie lehnen alles außerdem Christentum ab.“ Da sei der Vers herabgekommen. Eine andere Überlieferung über Ibn ʿUbaida sagt Ähnliches; ebenso berichten es eine Reihe weiterer [namentlich genannter] Überlieferer und Exegeten über al-Suddī. Eine Reihe von [namentlich genannten] Exegeten berichten über Qatāda, er habe gesagt: „Die Araber hatten keine Religion; sie wurden mit dem Schwert zur Religion gezwungen.“ Er sagte: „Zwingt nicht die Juden, und auch nicht die Christen und die Zoroastrier, sofern sie die Jizya bezahlen.“ Saʿīd b. Manṣūr überlieferte über al-Ḥasan Ähnliches. Al-Buḫārī überlieferte über Aslama: „Ich hörte, wie ʿUmar b. al-Khaṭṭāb [der zweite Kalif, 632-644] zu einer betagten Christin sagte: ‚Nimm den Islam an, dann wird es dir gut ergehen‘, doch sie lehnte ab. Da sagte ʿUmar: ‚Bei Gott, ich bezeuge‘, und er rezitierte ‚In der Religion gibt es keinen Zwang‘. Weiterhin überlieferten verschiedene [namentlich genannte] Überlieferer über ihn, er habe zu seinem Sklaven Zanbaq al-Rūmī gesagt: „Wenn du den Islam annähmest, würde ich dich um Hilfe bitten bei der Regierung der Muslime“, doch jener lehnte ab. Da sagte ʿUmar: „Es gibt keinen Zwang in der Religion.“ Schließlich überlieferten Ibn al-Mundhir und Ibn Abī Ḥātim über Sulaimān b. Mūsā über den Vers, er sei von Q 9:73 [s.o.] abrogiert worden.

Al-Shawkānī scheint hier zunächst einen klassischen enzyklopädischen Kommentar abzuliefern, der frühere Auslegungen zusammenstellt. Dabei geht er sehr systematisch vor und legt, anders als viele andere Kommentare, auch die Auffassungen von Exegeten wie Ibn Kathīr und al-Bayḍāwī, die sich nicht auf ältere Überlieferungen stützen, als eigene Auslegungen dar. Ebenfalls typisch für ihn sind der sehr sorgfältige Umgang mit den überlieferten Offenbarungsanlässen und die eigenständige Analyse. Er bewertet hier offenbar eine der verschiedenen als Offenbarungsanlass in Frage kommenden Geschichten, nämlich die über die kinderlosen Frauen von Medina, als besonders glaubwürdig. Anders als viele andere Exegeten leitet er aus dem Offenbarungsanlass jedoch nicht geradlinig ab, dass der Vers sich nur auf Schriftbesitzer beziehe, denn in sprachlicher Hinsicht sei die koranische Aussage „In der Religion gibt es keinen Zwang“ eindeutig als allgemeine Aussage formuliert. Sie werde jedoch durch andere koranische Aussagen, die sich auf Spezialfälle beziehen, eingeschränkt. Für al-Shawkānī hat der – sprachlich genau zu untersuchende – Wortlaut des Korans hier also zentrale Bedeutung als exegetisches Prinzip. Andere koranische Aussagen schränken die generelle Bedeutung des Verses zwar ein, er ist aber nicht von vornherein einschränkend gemeint. Anscheinend geht al-Shawkānī also von einer Art Teilabrogation – einer Abrogation des Verses nur mit Bezug auf die Nicht-Schriftbesitzer unter den Nichtmuslimen – aus.

Sonntag Familientag?

Ein Beitrag zum Themengebiet Familie, geschrieben am 13. Mai 2013 von Johanna

Seit bald einem Jahr wohnen wir ja in Freiburg-Lehen, und dort gilt offenbar flächendeckend: Sonntag ist Familientag. Ich muss gestehen, mir war dieses Konzept neu; in unserem Berliner Bekanntenkreis war es überhaupt nicht verbreitet, da gab es eigentlich keinen besseren Tag als den Sonntag, um andere Familien zu treffen. Zudem bietet sich ein sonntäglicher Familientag für uns auch deswegen nicht so an, weil wir keine Großeltern in erreichbarer Nähe  haben, die man dann pflichtgemäß besuchen müsste. Und ganz ehrlich: Uns fehlt sehr oft die Energie, unseren Kindern aufregende, aus dem Rahmen fallende Aktivitäten außer Haus zu bieten.

Resultat: Die Kinder hocken zuhause herum, insbesondere bei Regenwetter, und langweilen sich. Wenn die Sonne scheint, gehen sie raus und langweilen sich, weil keine anderen Kinder da sind. Selbst wenn wir ihnen Brettspiele o.ä. anbieten, ist es sehr schwer, etwas zu finden, das allen Spaß macht, vom Neunjährigen bis zur Dreijährigen. Ein, zwei, drei Verabredungen mit anderen Kindern – gern auch alle bei uns im Haus – würden das Leben wirklich leichter machen. Offenbar gibt es aber viele Familien, die das anders empfinden, die so einen Familiensonntag schön und angenehm finden. Bloß: Wenn es eine Sache gibt, die für ca. siebenunddreißigfach belastete Eltern wie uns tödlich ist, dann ist es die Frage „Was machen wir falsch?“ Vielleicht finden wir sie ja noch, die Familien, die ihre Kinder auch am Sonntag rauslassen. :)

Die verfolgten Deutschen

Ein Beitrag zum Themengebiet Gesellschaft, Islam, geschrieben am 12. April 2013 von Johanna

Da schaue ich am frühen Morgen auf Facebook und einer jener Posts schaut zurück, in denen geballte Empörung darüber verbreitet wird, dass „wir“ armen Deutschen von den bösen Ausländern (gemeint sind natürlich nicht Italiener oder Vietnamesen, sondern Muslime) diskriminiert werden. Diesmal geht es darum, dass angeblich in baden-württembergischen Schulen eine Anweisung kursierte, „Grüß Gott“ nicht mehr als Gruß zu benutzen. Aus Rücksicht auf Multikulti, den Islam (der ja bekanntlich etwas gegen das Konzept „Gott“ hat) und so. Im weiteren Verlauf des angeblichen Protestbriefes einer angeblichen Lehrerin werden dann noch mehr derlei unzutreffender Behauptungen – es gab nämlich niemals eine solche Anweisung! – verbreitet, zum Beispiel, das „deutsche Motto“ laute „Im Namen Gottes“, Deutschland sei ein christlicher Staat und Kruzifixe gehörten in deutsche Klassenzimmer. Wem das nicht passe, der solle eben nach Hause gehen. Vielleicht sollte man das mal dem deutschstämmigen Atheisten sagen, der damals semi-erfolgreich gegen die Kruzifixe in bayerischen Schulen geklagt hatte. Der geht bestimmt gern „zurück“ nach Atheististan.

Es ist einfach nur noch ermüdend. Da empören sich Leute, denen es mit hundertprozentiger Sicherheit noch nie passiert ist, dass sie wegen ihrer Hautfarbe, ihres Namens oder ihrer Religion eine Wohnung oder Arbeit nicht bekommen haben, und glauben, sie würden in Deutschland diskriminiert. Weil man als kopftuchtragende Lehrerin hier ja die Stellen hinterhergeschmissen bekommt, während die blondierten Deutschen alle arbeitslos… Ach, anderes Thema. Na gut. Dann also: Weil Neukölln überall ist. Was auch falsch ist; Neukölln ist nämlich in Berlin, und es gibt schon Gründe dafür, dass es nicht z.B. in Stuttgart liegt.

Aber sehen wir von solchen Differenzierungen mal ab; schauen wir auf die migrantischen Submilieus, in denen kaum Deutsch gesprochen, von Hartz IV gelebt und die Zugehörigkeit zum Islam als Habitus der Überlegenheit propagiert wird, weil man sonst nichts hat, worauf man stolz sein kann. Ich finde, man kann sich schon darüber empören, dass unsere Gesellschaft es zulässt, dass es solche Milieus gibt. Aber nicht, weil die zu diesen Milieus gehörenden Menschen hier sind und hier bleiben werden und uns unser schönes Deutschland kaputtmachen, sondern weil es bedeutet, dass da Kinder und Jugendliche ohne jede Chance aufwachsen. Darüber darf man sich schon aufregen. Und dann müsste man überlegen, was man hier – und nicht in Istanbul oder Diyarbakir – dagegen tun kann. Aber das wäre natürlich nicht so billig und bequem, wie wenn man einfach fordert, die Leute wieder nach Hause zu schicken, denn dann müsste man ja anerkennen, dass es sich um eine Verantwortung unserer Gesellschaft handelt, sich um diese Kinder und Jugendlichen zu kümmern, deren Eltern oder Großeltern man mal hierhingeholt hat. Einfacher ist es sicher, seine Ressentiments zu pflegen.

Und es geht meines Erachtens ausschließlich um die Pflege von Ressentiments bei dieser ganzen Empörung. Sonst würde man sich ja über die wirklichen Probleme unterhalten und nicht irgendwelche absurden Geschichten über Begrüßungen in der Schule fabrizieren. Zum Beispiel könnte man dann auch mal über die Nachkommen italienischer Migranten reden, die von allen Migrantengruppen den niedrigsten Bildungserfolg haben, deutlich unter den Türken. Das interessiert aber keinen. Solange die in ihren Pizzerien und Eisdielen arbeiten, ist es offenbar egal, ob die schlecht Deutsch sprechen und bloß Hauptschulabschluss haben. Oder über die enorme Kriminalität unter Vietnamesen – Menschenhandel, Zigarettenschmuggel, Schutzgelderpressung. Das interessiert aber keinen, solange man bei denen billig seine Zigaretten kaufen kann und die Opfer bloß Vietnamesen und der deutsche Fiskus sind. Und deutsche Bildungsversager, die interessieren schon gar nicht. Die stellen das eigene Selbstverständnis nicht so in Frage; auf die kann man seine eigenen Abstiegsängste auch nicht so gut projizieren.

Könnten die Deutschen sich nicht irgendwann mal ein anderes Feindbild backen? Vielleicht, wenn China die neue Weltmacht wird oder so? Das wäre eine nette Abwechslung.

Chancengleichheit und Begabtenförderung

Ein Beitrag zum Themengebiet Gesellschaft, Wissenschaft, geschrieben am 4. Februar 2013 von Johanna

Seit Jahren arbeite ich immer mal wieder an Auswahlverfahren zweier Begabtenförderungswerke mit, durch Auswahlseminare, Vorschläge oder Auswahlgespräche. Oft habe ich zu den Auswahlverfahren beigetragen, war aber nicht immer an der abschließenden Entscheidung beteiligt. Je mehr ich die Ergebnisse dieser Auswahlverfahren verfolge, desto mehr stellt sich mir die Frage, ob es bei den Auswahlkriterien nicht ein grundlegendes Problem gibt.

Die Begabtenförderungswerke diskutieren ja seit einigen Jahren die Tatsache, dass bei den meisten von ihnen – auch den linken – Studierende aus Akademikerhaushalten extrem stark überwiegen. Dafür sind diverse Ursachen ins Feld geführt worden, z.B. der psychologische Effekt, dass Auswählende unbewusst Bewerberinnen und Bewerber auswählen, die ihnen ähnlich sind, oder dass Studierende aus Nichtakademikerfamilien oft weniger selbstbewusst auftreten und nicht so gut darin sind, sich zu verkaufen. Stimmt sicher alles, ist aber durch Bewusstseinsänderung bei den Auswählenden zumindest zum Teil zu beeinflussen – ich jedenfalls gebe mir Mühe, mir diesen Prozess bewusst zu machen. Die Stiftungen äußern alle den Wunsch, den Anteil von Studierenden aus bildungsfernen Milieus, auch von Migranten, unter den von ihnen Geförderten, deutlich zu erhöhen.

Ich kann mich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass das Problem nicht so leicht zu beheben ist, solange man „soziales Engagement“ (politische Stiftungen) oder „vielfältige Interessen und einen breiten Horizont“ zu unverzichtbaren Auswahlkriterien macht. Das führt nämlich – so die Beobachtung, die ich jetzt mehrfach sehr deutlich gemacht habe – dazu, dass die Studierenden mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, die über ein Austauschjahr in Südamerika sowie musikalische und künstlerische Hobbys seit frühester Kindheit verfügen, ebenso klar im Vorteil sind wie diejenigen, die nicht 20h/Woche jobben müssen, um sich zu finanzieren, und daher in der Lage sind, Kindertheater, Leseförderung oder Parteiarbeit zu betreiben. Natürlich gibt es hin und wieder auch z.B. türkischstämmige Bafög-Empfänger, die sozial engagiert sind, die halbe Weltliteratur auswendig kennen usw., und ich bin von deren Leistung extrem beeindruckt, vor allem, wenn ich überlege, wie leicht mir selbst so etwas gemacht wurde. Aber es gibt eben auch exzellente, motivierte Studierende mit einer reifen Persönlichkeit, für die es angesichts ihrer Herkunft schon eine überaus beeindruckende Leistung ist, sich an einer deutschen Uni behaupten und gleichzeitig noch ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Oder solche, die vielleicht an der Uni erst langsam entdecken, was für Möglichkeiten das Leben so bietet, und denen die Förderung durch ein Begabtenförderungswerk diesen Prozess deutlich erleichtern würde. Ich habe Studenten, die als junge Erwachsene aus Afrika nach Deutschland gekommen sind und sich selbst finanzieren. Sollen die vielleicht noch nebenher Bratsche lernen und der SPD beitreten? Ich finde, wenn die ihr Studium mit sehr guten Leistungen in der Regelstudienzeit durchziehen, dann ist das verdammt viel und jedes Begabtenförderungswerk sollte aufmerksam auf sie werden, anstatt sie in der Vorauswahl rauszuschmeißen. Mir sind solche Personen allemal lieber als die langweiligen Parteischranzen, die man bei den politischen Stiftungen immer so hat, oder die 08/15 aquarellmalenden höheren Töchter, die man bei der Studienstiftung gern zu Gesicht bekommt (der Fairness halber: Die bekommen meist auch kein Stipendium, wenn nicht noch mehr dahintersteckt).

Entscheidend sollte sein, was jemand aus seinen oder ihren Möglichkeiten gemacht hat UND was für ein Potenzial er oder sie besitzt, um in Zukunft noch viel mehr aus diesen Möglichkeiten zu machen. Wenn eine herausragende Absolventin mit einem fundierten, spannenden und auch noch gesellschaftlich relevanten Promotionsprojekt schon in der Vorauswahl rausfliegt, obwohl sie die angeblich so begehrten Kriterien Migrationshintergrund und Nichtakademikereltern erfüllt, dann kann es mit der Begehrtheit dieser Kriterien nicht so weit her sein – da mag sich das betreffende Begabtenförderungswerk noch so sehr hinter fehlenden musisch-künstlerisch-sozial-naturwissenschaftlichen Interessen verstecken.

In der Religion gibt es keinen Zwang: Al-Qurṭubī

Ein Beitrag zum Themengebiet Allgemein, Islam, Wissenschaft, geschrieben am 22. November 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.

Al-Qurṭubīs (st. 1272) monumentaler Korankommentar Al-Jāmiʿ li-aḥkām al-Qurʾān ist einer der Höhepunkte der enzyklopädischen Exegesetradition, also solcher Werke, die versuchen, alle existierenden Auslegungen zusammenzustellen, zu ordnen, bisweilen zu bewerten und bisweilen eigene Meinungen hinzuzufügen; oft lassen sie sie aber auch unkommentiert nebeneinander stehen. Al-Qurṭubī stammte, wie sein Name („Mann aus Cordoba“) nahelegt, aus Andalusien und starb in Kairo; er war ein eminenter malikitischer Rechtsgelehrter.

[…] Unter den Gelehrten gibt es zu diesem Vers sechs verschiedene Meinungen.

  1. Es heißt, der Vers sei abrogiert worden, denn der Prophet habe die Araber zum Islam gezwungen und gegen sie gekämpft, ohne von ihnen abzulassen, bis sie den Islam annahmen. Dies meinte Sulaymān b. Mūsā, der sagte, der Vers sei durch Q 9:73 („Oh Prophet! Bekämpfe die Ungläubigen und die Heuchler“) abrogiert worden. Dies überlieferten auch Ibn Masʿūd und Kathīr über die [frühen] Exegeten.
  2. Der Vers sei nicht abrogiert, sondern allein mit Bezug auf die Schriftbesitzer geoffenbart worden. Denn diese sollen nicht zum Islam gezwungen werden, sofern sie die Jizya zahlen; gezwungen werden vielmehr die Heiden, von denen nichts als der Islam akzeptiert wird und auf die sich Q 9:73 bezieht. Dies meinen al-Shaʿbī, Qatāda, al-Ḥasan und al-Ḍaḥḥāk. Der Beleg für diese Meinung ist eine Überlieferung Zayd b. Aslams über seinen Vater, der berichtete, er habe ʿUmar b. al-Khaṭṭāb zu einer christlichen Greisin sagen gehört: „Nimm den Islam an, oh Greisin, bekehre dich! Gott hat mit Muḥammad mit der Wahrheit gesandt.“ Da sagte sie: „Ich bin hochbetagt und der Tod ist mir nahe!“ ʿUmar antwortete: „Gott sein dafür Zeuge“, und er rezitierte „Es gibt keinen Zwang in der Religion.“
  3. Die Meinung, die Abū Dāwūd über Ibn ʿAbbās überlieferte, der sagte, der Vers sei mit Bezug auf die anṣār geoffenbart worden. Wenn unter ihnen eine Frau keinen überlebenden Sohn gehabt habe, habe sie ein Gelübde abgelegt, dass sie, falls sie einen Sohn haben werde, der überlebe, diesen zum Judentum übertreten lassen werde. Als nun die Banū al-Naḍīr vertrieben wurden, waren unter ihnen viele Söhne der anṣār. Sie [die anṣār] sagten: Wir geben unsere Söhne nicht her! Daraufhin offenbarte Gott diesen Vers. […] In einer Überlieferung heißt es: Wir taten dies, weil wir meinten, dass ihre Religion [d.h. die jüdische] besser sei als unsere. Als Gott aber den Islam brachten und wir sie zu ihm zwingen wollten, wurde der Vers „In der Religion gibt es keinen Zwang“ geoffenbart. Wer will, soll bei ihnen [den Juden] bleiben, und wer will, soll den Islam annehmen. Das meinen Saʿīd b. Jubayr, al-Shaʿbī und Mujāhid, der allerdings sagte, der Grund dafür, dass sei bei den Banū al-Naḍīr gewesen seien, sei gewesen, dass deren Frauen ihre Ammen gewesen seien. Al-Naḥḥās meinte, die Ansicht von Ibn ʿAbbās sei die wahrscheinlichste, weil ihr isnād [Überliefererkette] unanfechtbar sei und weil man allein mit dem Verstand keine gleichwertige Auslegung erzielen werde.
  4. Al-Suddī meinte, der Vers sei mit Bezug auf einen Mann von den anṣār geoffenbart worden, der Abū Ḥuṣayn hieß und zwei Söhne hatte. Es kamen Händler mit Öl aus Syrien nach Medina. Als sie die Stadt wieder verlassen wollten, kamen die beiden Söhne al-Ḥuṣayns zu ihm, und die Händler bekehrten sie zum Christentum, woraufhin die beiden mit ihnen nach Syrien abreisten. Ihr Vater ging zum Propheten, um sich über die Angelegenheit zu beschweren; er wollte, dass der Prophet die beiden zurückholen lasse. Da wurde der Vers „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ geoffenbart, und es wurde damals nicht befohlen, die Schriftbesitzer zu bekämpfen. Der Prophet sagte: „Gott entfernte sie [von uns]; sie sind die ersten, die ungläubig wurden!“ Abū al-Ḥuṣayn aber grollte dem Propheten, als dieser seine Söhne nicht zurückholen ließ. Da sandte Gott der Erhabene folgenden Vers herab: „Aber nein, bei deinem Herrn, sie glauben nicht – bis sie dich zum Richter machen über das, was zwischen ihnen strittig ist.“ (Q 4:65). Dann hat Gott dieser exegetischen Meinung zufolge den Vers „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ abrogiert und in der neunten Sure den Kampf gegen die Schriftbesitzer befohlen. Der richtige Offenbarungsanlass von Q 4:65 aber ist ein Hadith über einen Streit zwischen al-Zubayr und seinem Nachbarn über die Bewässerung, wie ich dort näher erläutern werde, so Gott will.
  5. Es wurde auch gesagt, die Bedeutung des Verses sei, man solle nicht zu jemandem, der unter dem Schwert den Islam angenommen hat, sagen, er sei mit Gewalt gezwungen worden; das ist die fünfte Meinung.
  6. Die sechste Meinung lautet, der Vers sei mit Bezug auf Kriegsgefangene niedergelegt worden. Wenn sie Schriftbesitzer seien, dann sollten sie nicht gezwungen werden, sofern sie volljährig sind; wenn sie aber Zoroastrier, gleich ob jung oder alt, oder Heiden seien, dann sollten sie zum Islam gezwungen werden, denn wer sie gefangen nimmt, hat keinen Nutzen von ihnen, solange sie Heiden sind. Schließlich kann er das von ihnen Geschlachtete nicht essen und nicht mit ihren Frauen verkehren, wo sie doch den Verzehr von Aas, unreinen Tieren und anderem für religiös erlaubt halten, so dass ihr Eigentümer sie unrein findet und es ihm unmöglich ist, sie als Eigentum zu nutzen. Daher dürfe er sie zwingen. So überlieferte es Ibn Qāsim von Mālik. Ashhab hingegen sagte: „Sie gehören der Religion dessen an, der sie gefangennahm. Wenn sie sich weigern, dann werden sie zum Islam gezwungen. Die Minderjährigen aber haben keine Religion; daher werden sie zum Beitritt zur Religion des Islams gezwungen, damit sie nicht einer nichtigen Religion zufallen. Was aber die übrigen Arten des Unglaubens angeht, so gilt, dass seine Anhänger, wenn sie die Jizya zahlen, nicht zum zum Islam gezwungen werden, gleich ob sie Araber oder nicht Araber, Quraysh oder andere sind.“ Das und was die Gelehrten über die Jizya und diejenigen, von denen sie akzeptiert wird, sagen, kommt im Kommentar zur neunten Sure, so Gott will.

Al-Qurṭubī bezieht zu den zitierten Auslegungen nicht klar Stellung, distanziert sich aber von der vierten. Die sechste zitierte Auslegung ist deutlich ahistorisch und spiegelt eher die Anliegen von al-Qurṭubīs Zeit wider, unter anderem das Militärsklaventum, dessen Grundvoraussetzung die Islamisierung minderjähriger Kriegsgefangener war.

Kein Zwang in der Religion: Al-Samarqandī und al-Fīrūzābādī

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 22. November 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.

Al-Samarqandī und al-Fīrūzābādī sind zwei sehr unterschiedliche Exegeten, zwischen denen mehrere Jahrhunderte liegen. Al-Samarqandī (st. um 1000) stammte, wie sein Name vermuten lässt, aus dem Osten der islamischen Welt, al-Fīrūzābādī (st. 1415) aus dem Iran, hielt sich aber überwiegend in Jerusalem, Mekka und dem Jemen auf. Beide haben relativ knappe Korankommentare verfasst und sind hier zusammengefasst, weil sie in ihrer Auslegung von Koran 2:256 auf die äußerst liberale Auslegung von Muqātil b. Sulaymān zurückzugreifen scheinen, die in den meisten anderen Korankommentaren keine Rolle spielt (soweit ich es bisher überblicken kann).

Al-Samarqandī schreibt: „Übt auf niemanden Zwang in der Religion aus, nachdem Mekka erobert wurde und die Araber den Islam angenommen haben. ‚Der rechte Weg ist klar geworden gegenüber dem Irrweg‘, das heißt, die göttliche Rechtleitung ist gegenüber dem Irrweg klar geworden. Manche sagen auch, es heiße, der Islam sei klar gegenüber dem Unglauben erkennbar geworden; wer den Islam annehme, [der kann dies tun]; sonst obliegt ihm die Zahlung der Jizya und er wird nicht zum Islam gezwungen.“

Al-Fīrūzābādī schreibt: „Keiner von den Schriftbesitzern und den Zoroastriern soll zum tawḥīd [Bekenntnis zur Einheit und Einzigkeit Gottes] gezwungen werden, nachdem die Araber den Islam angenommen haben.“

Al-Samarqandīs Auslegung differenziert überhaupt nicht zwischen verschiedenen Arten Nichtmuslimen, sondern lehnt – wie dies auch Muqātil tut – Zwang in der Religion pauschal ab. Al-Fīrūzābādī nimmt eine Beschränkung auf Schriftbesitzer und Zoroastrier in seinen Vers auf, die nicht so recht zu dem Bezug auf die Annahme des Islams durch die Araber (der auf Muqātil zurückgeht) passt. Immerhin ergänzt er hier jedoch die Schriftbesitzer, wohl aufgrund seiner iranischen Herkunft, durch die Zoroastrier, und seine Formulierung von der Annahme des tawḥīd deutet darauf hin, dass es erlaubt sein kann, Polytheist zu bleiben.