Eine Anmerkung zu den Forderungen der CSU nach dem Gebrauch des Deutschen in der Familie

Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in einer landwirtschaftlich geprägten, katholischen Gegend. Dort gab es eine ganze Menge Leute, die wir damals als „Asoziale“ bezeichneten. Die Erwachsenen waren meistens besoffen, die Frauen prostituierten sich, die Männer prügelten ihre Frauen, die Frauen ihre Kinder. Viele dieser Kinder wurden missbraucht, das war ein offenes Geheimnis. Die Kinder ein- und derselben Mutter stammten meist von unterschiedlichen Männern und der Großteil der Kommunikation mit ihrer Familie bestand darin, beschimpft zu werden. Mit vier, fünf Jahren sprachen sie bestenfalls Zwei-Wort-Sätze, sie landeten fast alle auf der Sonderschule. Zwei Mädchen vom Nachbarhof waren geistig behindert, weil den Eltern tagelang nicht aufgefallen war, dass sie eine Hirnhautentzündung hatten. Unter den wenigen Kindern aus diesem Umfeld, die mit mir auf die Grundschule und nicht auf die Sonderschule gingen, gab es welche, die hatten ständig blaue Augen, blutige Lippen, Schürfwunden und waren angeblich „die Treppe heruntergefallen“. Sie blieben schon an der Grundschule mindestens einmal sitzen und gingen danach auf die Hauptschule, woraufhin sich der Kontakt verlor. Einer von den Jungs, die in meiner Nachbarschaft aufwuchsen, landete später im Knast, weil er seine Freundin krankenhausreif geprügelt hatte. Seine nächste Freundin, selber aus einer desolate Familie, heiratete ihn mit achtzehn; sie bekamen ein Kind, und fortan prügelte er sie und benutzte das Kind als Druckmittel, damit sie nicht weglief.
Alle diese Leute hatten deutsche Nachnamen. Keines dieser Kinder wäre gerettet worden, wenn irgendeine Regierung die Einwanderungsgesetze verschärft hätte oder verfügt hätte, dass ihre Eltern zuhause mit ihnen Deutsch sprechen müssten. Das taten sie ja schon, wenn man die Titulierung als „fette Sau“ als „Deutschsprechen“ einstufen möchte.
Das ist der Grund, aus dem ich unsere gegenwärtige Einwanderungsdebatte nicht nur autoritär, abscheulich und rassistisch, sondern auch zutiefst verlogen und unsozial finde. Verwahrlosung ist kein Migrationsphänomen. Natürlich ist sie ein Phänomen, das auch unter Migranten auftritt, je nach sozialer Herkunft, Wohn- und Arbeitssituation dieser Migranten vielleicht auch gehäuft; aber sie ist kein Phänomen, das auf Migranten beschränkt ist. Wer so tut, als sei es so, der schafft sich einen Sündenbock, schiebt die Verantwortung ab und lässt alle die Kinder im Stich, die deutschstämmige Eltern und einen deutschen Nachnamen haben, aber trotzdem bei ihrer Einschulung weder sprechen noch einen Stift halten können. Es wäre schön, wenn wir in Deutschland endlich einmal über Armut und Verwahrlosung reden könnten anstatt über „Islam“.

1 Kommentar zu “Eine Anmerkung zu den Forderungen der CSU nach dem Gebrauch des Deutschen in der Familie”

  1. Walther Lipphardt schreibt:

    Sehr geehrte Frau Professorin Dr. Pink

    Ihre Artikel habe ich gelesen, erschütternd, was Sie über Ihre Erfahrungen berichten. Was Sie schreiben, über was bei uns endlich geredet werden muss, kann ich Ihnen nur zustimmen.
    Es wäre ein Segen, wenn die ganze Debatte um Not, Armut, Verwahrlosung u.s.w. endlich einmal normal und mit sozialer Verantwortung geführt und nicht bei allem völlig zu Unrecht und Diffamierend auf „Islam“ und „Muslimen“ herumgehackt würde, nur weil man damit die besten Emotionen für Hass gegen Fremde, Rassen und Andersdenkende bedienen kann.
    Diese primitive Denkweise geht leider durch alle Schichten der Bevölkerung und macht vor vermeintlicher Intelligenz nicht halt. Hierzu tragen leider in nicht geringem Umfang auch die Medien bei, in der Art, wie sie zu ihren Sendungen z.T. fragwürdige Gesprächspartner (mit vorgeprägter Ablehnung) zusammenstellen.

    Für mich ist erschütternd, dass z.B. eine Lehrerin zugezogen wird (gestern 15.1.2014 im SWF), die schon im 2. Satz unumwunden ihre Hassparolen gegen den Islam bekundet. Man kann sich ausmalen, wie eine solche Person Schülerinnen und Schüler instrumentalisiert. So jemand hat m.E. im Schuldienst nichts verloren.

    Ich war Kriegskind, bin im zerstörten Frankfurt aufgewachsen. Habe mit 8 Jahren die beschlagnahmten Dokumentarfilme der NAZIs gezeigt bekommen, was mein Leben bis heute wesentlich geprägt hat – eine andere Erfahrung, aber auch eine

    Auf Ihr Buch „Geschichte Ägyptens“ freu ich mich schon

    Vielen Dank, auch für Ihre spannenden Vorlesungen über die Islamische Welt und der vielfältigen Zusammenhänge mit unserer Welt.

    Herzliche Grüße
    Walther Lipphardt

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