Kraftquelle Kind?

Gestern hatte das ZEIT-Magazin eine Titelgeschichte über Paare mit Kind, bei denen beide Eltern Karriere machen. Grundsätzlich fand ich es schön, dass eine solche Lebensgestaltung einmal positiv geschildert wird, aber als ich den Beitrag gelesen habe, habe ich mich zunehmend geärgert.

Das fängt damit an, dass die geschilderten Paare hinsichtlich ihres Einkommensstatus und des Punktes, den ihre Karriere zum Zeitpunkt des Kinderkriegens erreicht hatte, nicht gerade repräsentativ sein dürften. Der Artikel spricht zwar den häufig geäußerten Vorwurf an, dass reiche Leute sich natürlich auch die entsprechenden Au pairs und Kindermädchen leisten könnten, aber außer der Erwiderung, dass es ja trotzdem genug kinderlose Karrierepaare gebe, fällt ihm nichts dazu ein. Mal abgesehen von der auf der Hand liegenden Überlegung, dass die Wahrscheinlichkeit des Reichseins natürlich steigt, wenn zwei Einkommen da sind – wo bleiben die voll berufstätigen Paare mit Kindern, die ganz normal mit Krippe, Kindergarten, Ganztagsschule und gelegentlichem Babysittereinsatz auskommen müssen? Der Artikel erweckt implizit den Eindruck, das gehe ja dann doch nicht. Tut es aber. Nur: es kostet Kraft.

Womit ich bei dem zweiten Problem wäre, das ich mit dem Beitrag habe: das ganze kitschige Gesülze von der Kraftquelle, die diese glücklichen Karrierepaare in ihren Kindern haben; dem ruhigen Hafen Familie, wo sie wieder Energie für ihre anstrengende Arbeit tanken können. Hat der Autor keine Kinder? Oder eine Hausfrau? Oder eben auch eine Kinderfrau zuhause?

Wenn ich nach einer unruhigen Nacht mit verschnupften und hustenden Kindern übermüdet am Schreibtisch sitze, dann hat mich meine Familie Kraft gekostet, die ich für die Arbeit nicht habe. Wenn die Kinder einen schlechten Morgen haben, dann bin ich nach all dem Gejammer, Genörgel, Theater und Geklammer oft froh, wenn ich im Büro sitzen und meine Akkus wieder aufladen kann. Wenn ich meine fiebernde, weinende Tochter wiege, anstatt mit meinen Korrekturen voranzukommen, die Seminare für das nächste Semester vorzubereiten und meine eigene Forschung zu organisieren, dann hilft das meiner Arbeit nicht, es blockiert sie.

Das alles stellt meine Entscheidung für Kinder nicht in Frage. Ich wollte welche haben, ich möchte sie nicht missen und kann mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. Aber sie kosten mehr Kraft, Zeit und Energie, als ich in den gelegentlichen harmonischen Momenten innigen Familienglücks zurückbekomme. Das muss man einfach wissen, wenn man sich für Kinder entscheidet.

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