Archiv für September 2015

Achtung, Achtung! An alle Flüchtlinge!

Ein Beitrag zum Themengebiet Allgemein, Gesellschaft, geschrieben am 22. September 2015 von Johanna

Deutschland ist weltoffen und tolerant! Stillgestanden! Wegtreten!

Ist es nicht irre deutsch? Permanent erklären derzeit Kommentatoren in der ARD, FAZ oder auf Facebook Leuten, die seit ein paareinhalb Tagen nach einer irrsinnigen Flucht über Meer oder Land erschöpft und orientierungslos in irgendeiner Turnhalle angekommen sind, gleich mal im Befehlston die Regeln, und zwar die wirklich wichtigen. „Lieber Flüchtling, herzlich willkommen in Deutschland. Rasen betreten verboten. Homosexuelle sind gut zu finden. Essensausgabe von 12 bis 14 Uhr. Kleiderausgabe hinten links, jeder nur ein paar Schuhe. Zuwiderhandeln ist strafbar. Viel Spaß bei uns.“

Man könnte ja meinen, es sei ein nett gemeinter Service, dass sich derzeit an jeder Ecke jemand bemüßigt fühlt, Flüchtlinge darauf hinzuweisen, dass sich hierzulande zwei Männer öffentlich küssen dürfen und die Flüchtlinge das gefälligst gut finden sollten – so wie ja bekanntlich 110% aller Deutschen hypertolerant gegenüber Homosexuellen sind. Ja, ja, so sind wir halt, wir tollen Deutschen. Warum nur haben diese Hinweise so einen seltsamen Beigeschmack? Vielleicht, weil sie implizieren, dass Flüchtlinge grundsätzlich rückständig und mit unserer progressiven Gesellschaft total überfordert sind? Und weil sie so arg viel Selbstbeweihräucherung beinhalten?

Es gäbe so viele positive Sachen, auf die man stattdessen hinweisen könnte – bei allen Unzulänglichkeiten, die unsere Gesellschaft und unser Staat haben, die aber immer noch nachrangig sind, wenn man sie mit denen von Ländern wie Syrien oder Afghanistan vergleicht. Zum Beispiel, dass man bei Behördengängen niemanden bestechen muss, um etwas zu bekommen, auf das man sowieso einen Anspruch hat. Oder dass man im Konfliktfall die Polizei rufen kann. Oder dass man hier nicht nur Asad, sondern sogar Merkel schlecht finden und das öffentlich sagen kann. Genau wegen solcher Annehmlichkeiten kommen viele durchaus gerne nach Europa. Und die, bei denen das der Fall ist, die kriegen den Rest auch noch hin.