Archiv für Juni 2013

Meldung und Wahrheit: Schweine und Moscheen

Ein Beitrag zum Themengebiet Computer & Internet, Gesellschaft, Islam, geschrieben am 17. Juni 2013 von Johanna

Dieser Tage grassiert mal wieder eine Meldung auf den sozialen Medien, die für viel Aufregung unter Muslimen sorgt:

„Ganz ohne Proteste oder rechtliche Schritte haben Bürger der spanischen Stadt Sevilla den Bau einer weiteren Moschee verhindert. Nachdem bekannt geworden war, dass eine staatliche Behörde der islamischen Gemeinde ein Grundstück zum Bau eines Gotteshauses verkauft hatte, vergruben sie auf dem Bauplatz ein totes Schwein. Anschließend sorgten sie dafür, dass die lokalen Medien über die Aktion berichteten. Das Schwein gilt im Islam grundsätzlich als unrein und sein Verzehr ist den Gläubigen nach dem Koran verboten. Aus diesem Grund ist die Errichtung einer Moschee auf einem durch einen Schweine­kadaver „verseuchten“ Gelände ausgeschlossen. Die islamische Gemeinde gab ihre Baupläne daher auf.“

Wenn man nach der Quelle dieser Meldung sucht, stellt man fest, dass sie ausschließlich auf Islamgegnerwebseiten wie pi-news oder reconquista-europa zu finden ist, dort aber überall wortgleich; sie stammt vom September 2011. Also schon einmal kein aktuelles Ereignis. Die interessante Frage, warum solche Sachen eigentlich periodisch immer wieder viral werden, ist hier zu vernachlässigen. Weiterhin stellt man fest, dass damals die Meldung offensichtlich inspirierend gewirkt hat, denn es gibt gleichartige, in diesem Fall aber auch in seriösen Medien erschienene Meldungen vom November 2011 über den Moscheestreit im schweizerischen Grenchen, in dem Moscheegegner versuchten, sich durch das Hinterlassen toter Schweine zu „wehren“. Das scheint die muslimische Gemeinde nicht am Weiterverfolgen ihrer Bauabsichten gehindert zu haben, wie man aktuellen Berichten der Lokalpresse entnehmen kann, aus denen auch hervorgeht, dass der Bau bislang am Fehlen eines Finanzierungsnachweises gescheitert ist.

Auf englischsprachigen Seiten tauchte die Sevilla-Geschichte schon im Herbst 2010 auf. PI & Co. haben also relativ lange gebraucht, um die Geschichte zur Kenntnis zu nehmen, und interessierten sich offenbar auch weder dafür, ob es einen Faktenhintergrund gibt (sie ergehen sich lieber in Begeisterungsstürmen über die schlauen Spanier und Bedauern über die armen Schweine), noch dafür, ob sich irgendwelche Muslime dadurch tatsächlich am Bau einer Moschee hindern ließen. Man hält Muslime auf diesen Seiten für so dumm und abergläubisch, dass man ihnen das ohne Weiteres zutraut.

Noch weiter zurück: Die NY Times behauptet 2008, das Ganze sei 2005 passiert, aber nur mit einem Schweinekopf und nicht mit einem ganzen Schwein. Schweineköpfe vor Moscheen zu deponieren oder hineinzuwerfen scheint – wenn man spezifisch danach googelt – in diversen Ländern Volkssport zu sein, insbesondere in Großbritannien. Es führt aber nicht dazu, dass die Moscheen abgerissen werden oder der Gebetsbetrieb eingestellt wird.

Wenn man zu dem angeblichen Vorfall in Sevilla 2005 spanische Meldungen sucht, geht es auf einmal um die Schlachtung eines Schweines auf dem potenziellen Baugrund, aber so richtig viele Reaktionen hat das offenbar nicht hervorgerufen. Und wenn man nach Gründen dafür sucht, warum die Moschee dann dort nicht gebaut wurde, kommen gar keine Schweineköpfe mehr darin vor, sondern es geht ganz einfach um ein Behördenveto gegen den Bau von Kultstätten auf staatlichem Land in Folge eines Gerichtsurteils. Das ist natürlich kein Schenkelklopfer für Islamhasser.