Archiv für Mai 2013

Die Kirchen in Saudi-Arabien

Ein Beitrag zum Themengebiet Gesellschaft, Islam, geschrieben am 30. Mai 2013 von Johanna

Es gibt keine Islamdiskussion hierzulande, in der sie nicht irgendwann auftauchen, so zuverlässig wie das Amen in der Kirche: Die in Saudi-Arabien gerade nicht existierenden Kirchen. Plus natürlich die Steinigungen in Saudi-Arabien, die Köpfungen in Saudi-Arabien, die zwangsverschleierten Frauen in Saudi-Arabien, das Autofahrverbot für Frauen in Saudi-Arabien, die Auspeitschungen in Saudi-Arabien… Aber in allererster Linie sind es immer wieder die Kirchen. Das liegt daran, dass sie so wunderbar in die der Debatte zugrunde liegende Logik passen: Wenn „ihr“ „uns“ gegenüber intolerant seid, dann braucht ihr gar nicht erst anfangen, hier Minarette bauen zu wollen! Da wären „wir“ ja schön doof, wenn „wir“ „euch“ das erlaubten.

Auf der banalen Ebene könnte man dazu zunächst mal sagen, dass die Menschenrechtspolitik irgendwelcher durchgeknallter Diktaturen (zu denen ich Saudi-Arabien rechne), uns nicht unbedingt zum Vorbild dienen sollte. Man müsste auch darauf hinweisen, dass es so ziemlich überall sonst in der islamischen Welt natürlich durchaus Kirchen gibt.

Mein Problem mit dem leidigen Argument ist aber ein ganz anderes: Es beruht im Kern auf der Gegenüberstellung von „uns“ und „denen“, die der ganzen Debatte zugrundeliegt. Und diese Gegenüberstellung führt ganz zwangsläufig dazu, dass Fakten oder Differenzierungen oder Rechtsnormen keine Rolle mehr spielen. Das „Wir“ in dieser Konfrontation ist dabei denkbar unklar definiert. Es sind „irgendwie“ die Europäer, die Christen (das wären dann auch Russland oder Lateinamerika?!?), vielleicht aber auch eher „die Säkularen“ oder „die Aufgeklärten“ oder auch nur die Deutschen – man weiß es nicht so genau. Eigentlich definiert sich das „wir“ vor allem aus dem scharfen Gegensatz zu „denen“, und das sind „die Muslime“; Überschneidungen gibt es per definitionem nicht. Ob ein nennenswerter Anteil dieser Muslime überhaupt aus Saudi-Arabien kommt oder sich mit der saudischen Politik identifizieren kann, interessiert dann nicht mehr. „Die Muslime“ müssen kollektiv die Politik Saudi-Arabiens verantworten, denn die begründet sich ja islamisch.

Genau, werden Verfechter des Kirchen-in-Saudi-Arabien-Arguments sagen: „Der Islam“ hat eben ein Problem mit dem Christentum, die Saudis setzen die islamischen Vorschriften nur konsequenter um als andere. In Wirklichkeit streben aber alle Muslime nach konsequenter Umsetzung dieser Vorschriften oder sollten es zumindest. Und spätestens da ist das Argument dann an dem Punkt angekommen, wo es sich von der Denkweise radikaler Islamisten in nichts mehr unterscheidet: Unabhängig von ihrer Sozialisation, ihren individuellen Denkweisen, ihrer regionalen Herkunft, ihrem Wohnort, ihrer Sprache müssen eigentlich alle Muslime dasselbe denken oder sie sind keine Muslime mehr. Dass die Fakten dagegen sprechen; dass weder in der Geschichte noch in der Gegenwart jemals ein nennenswerter Anteil der Muslim sein Leben an irgendwelchen religiösen Maximalforderungen ausgerichtet hat, das interessiert dann nicht mehr. (Dass die religiösen Maximalforderungen den Bau von Kirchen gar nicht verbieten, tatsächlich mit der potenziellen Ausnahme der arabischen Halbinsel, steht auf einem anderen Blatt.)

Gerade kam mir dazu ein schönes Zitat des eminenten sunnitischen Theologen al-Ghazali unter: „Es ist keine Sünde, auf die höchsten Stufen der Tugendhaftigkeit zu verzichten.“ So viel Pragmatismus – geht das „im Islam“ überhaupt? Tja. Es geht. Es geht übrigens auch, einen wohlwollenden Umgang mit Anhängern anderer Religionen als maximal tugendhaft zu definieren. Das tun heutige Muslime immer mal wieder. Dualistisches Denken verstellt leider den Blick auf diese Differenzierungen, und das ist schade, denn natürlich gibt es – z.B. an Ländern wie Saudi-Arabien – vieles zu kritisieren. Es macht nur keinen Spaß, das zu tun, wenn man genau weiß, wofür diese Kritik dann ausgeschlachtet wird.

Kein Zwang in der Religion: ʿAbd al-Raḥmān al-Saʿdī

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 18. Mai 2013 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt übersetze ich (in größeren Abständen) muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang”. Für diejenigen, die es interessiert, stelle ich meine Übersetzungen online.

ʿAbd al-Raḥmān al-Saʿdī (1889-1956) war ein saudischer Gelehrter, der im Laufe seines Lebens eine wachsende Unabhängigkeit von der hanbalitischen Staatsdoktrin entwickelte und seine Interessen auch auf unreligiöse Bereiche wie Dichtung ausdehnte. Sein Korankommentar zeichnet sich durch sehr unabhängige Erörterungen aus, die sich nicht eng an früheren exegetischen Diskursen orientieren, obwohl diese durchaus in seine Überlegungen einfließen.

Gott der Erhabene unterrichtet uns darüber, dass es keinen Zwang in der Religion gibt, weil es ohnehin nicht nötig ist, irgendjemanden zu ihr zu zwingen. Denn Zwang ist nur notwendig für Dinge, für die [d.h. für deren Wahrheit] die Zeichen verborgen und die Spuren unlesbar sind, oder für Dinge, die der Seele aufs Äußerste verhasst sind. Diese wahrhafte Religion und dieser gerade Weg jedoch, deren Zeichen sind jedermanns Verstand offenbar geworden und die Wege zu ihr sind deutlich. Alles an ihr ist offenbar geworden, und die Rechtleitung wurde vom Irrtum geschieden. Wem Glück beschieden ist, der wird, wenn er nur den flüchtigsten Blick auf sie wirft, sie vorziehen und sich für sie entscheiden. Wer jedoch schlechter Absicht und bösen Willens ist, von bösartiger Gemütsart, der sieht die Wahrheit und entscheidet sich statt für sie für den Trug; der sieht das Schöne und neigt stattdessen dem Hässlichen zu. So jemanden braucht Gott nicht zur Religion zu zwingen, denn das würde zu nichts führen und wäre nutzlos. Wer die Religion unter Zwang annimmt, dessen Glaube ist nicht echt.

Der Vers bedeutet nicht, dass man den Kampf gegen die kriegführenden Ungläubigen unterlassen soll. Vielmehr geht es in ihm darum, dass die Religion in Wahrheit von jedem zwangsläufig angenommen werden muss, dessen aufrichtige Absicht die Befolgung der Wahrheit ist. Was aber den Kampf und dessen Unterlassung angeht, so geht es in diesem Vers überhaupt nicht darum. Die Pflicht zum Kämpfen lässt sich vielmehr anderen Texten entnehmen. Jedoch deutet der Vers darauf hin, dass man die Jizya auch von anderen als den Schriftbesitzern nehmen kann, wie es auch viele Gelehrte meinen.

Al-Saʿdī scheint zunächst Ibn Kathīr (Übersetzung hier veröffentlicht) wiederzugeben, allerdings mit deutlich anderen Formulierungen: Während es bei Ibn Kathīr ganz eindeutig Gott ist, der den Menschen zum Glauben oder Unglauben zwingt, entscheidet bei al-Saʿdī gegen alle sunnitischen theologischen Konventionen der Mensch selber. Wie einige andere Exegeten vor ihm, etwa al-Zamakhsharī und al-Bayḍāwī, versteht al-Saʿdī den Vers als ontologische Aussage über den Weg zum Glauben, nicht als rechtsrelevantes Gebot; er ist in dieser Hinsicht aber deutlich entschiedener und expliziter als frühere Exegeten. Seine Aussage, der Vers sei in keiner Weise als Absage an den Jihad zu verstehen, scheint perfekt ins wahhabitische Dogma zu passen. Völlig überraschend und unkonventionell dann aber der letzte Satz: Die Jizya könne man auch von anderen als den Schriftbesitzern nehmen, d.h. mutmaßlich von allen Nichtmuslimen, die nicht gegen die Muslime Krieg führen – und diese dürften dann auch bei ihrem Glauben bleiben. Damit schließt er den Zirkel zum  frühen Korankommentar von Muqātil b. Sulaymān (Übersetzung hier veröffentlicht), der genau diese Auffassung vertrat, die dann aber wenig Resonanz fand, weil sie dem Konsens der allermeisten Rechtsgelehrten so klar widersprach. Al-Saʿdī präsentiert sich hier also als wahrhaft unabhängiger Geist.

Kein Zwang in der Religion: Al-Shawkānī

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 18. Mai 2013 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt übersetze ich (in größeren Abständen) muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang”. Für diejenigen, die es interessiert, stelle ich meine Übersetzungen online.

Al-Shawkānī (1760-1835) aus dem Jemen ist einer der herausragenden Protagonisten islamischer Reformbewegungen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, also einer Zeit, in der es noch nicht oder nicht primär um die Auseinandersetzung mit Europa ging, sondern eher um die Behebung als solcher empfundener innerer Missstände. Nach al-Shawkānīs Auffassung war das vor allem die mangelnde Orientierung der Gelehrten an Koran und Sunna. Auf der Grundlage seiner strikten, aber nicht unreflektierten oder rein buchstäblichen Quellenorientierung entwickelte er eine Methode der Auslegung des Korans, die er außerordentlich stringent und mit hoher analytischer Schärfe anwendete.

Die Gelehrten sind unterschiedlicher Auffassung über die Bedeutung von Gottes Aussage „In der Religion gibt es keinen Zwang“.

Die erste Ansicht ist, sie sei abrogiert [durch einen später geoffenbarten Vers ersetzt] worden, denn der Gesandte Gottes habe die Araber zum Islam gezwungen, bekämpft und nichts anderes von ihnen als den Islam akzeptiert. Die abrogierenden Verse seien in diesem Fall Q 9:73: „Prophet! Setze den Ungläubigen und den Heuchlern heftig zu!“ und Q 9:123: „Oh ihr, die ihr glaubt! Kämpft gegen diejenigen von den Ungläubigen, die euch nahe sind. Sie sollen merken, dass ihr hart sein könnte. Wisset, dass Gott mit denen ist, die ihn fürchten“ und Q 48:16: „Ihr werdet zu einem Volk aufgerufen werden, das über gewaltige Kampfkraft verfügt, um sie zu bekämpfen, falls sie sich nicht ergeben [oder: den Islam annehmen]“. Diese Auffassung haben viele Exegeten vertreten.

Die zweite Meinung lautet, dass der Vers nicht abrogiert worden sei, sondern sich vielmehr speziell auf die Schriftbesitzer beziehe. Diese werden nicht zum Islam gezwungen, sofern sie die Jizya bezahlen, sondern wer zum Islam gezwungen wird, das sind die Heiden. Von diesen wird nichts außer dem Islam akzeptiert; die Alternative ist das Schwert. Die Auffassung vertraten al-Shaʿbī, al-Ḥasan, Qatāda und al-Ḍaḥḥāk.

Die dritte Ansicht ist, dass dieser Vers sich speziell auf die anṣār (die medinensischen „Helfer“) bezieht; dazu später noch mehr.

Die vierte Ansicht ist, dass der Vers bedeutet, man solle nicht über denjenigen, der unter dem Schwert den Islam annahm, sagen, er sei gezwungen worden, denn es gebe keinen Zwang in der Religion.

Die fünfte Ansicht besagt, dass man Kriegsgefangene, die zu den Schriftbesitzern gehören, nicht zum Islam zwingen solle.

Ibn Kathīr schreibt in seinem Korankommentar: „Zwingt niemanden, der Religion des Islams beizutreten, denn diese ist klar und deutlich [als richtig erkennbar], und die Beweise für sie sind über jeden Zweifel erhaben. Daher ist es nicht nötig, jemanden zum Beitritt zu ihr zu zwingen, sondern wen Gott zum Islam leitet, wem er das Herz und die Augen öffnet, der tritt ihm erwiesenermaßen bei. Wessen Herz Gott aber blind macht und wessen Gehör und Blick er versiegelt, dem wird ein gewaltsam erzwungener Übertritt nichts nützen.“ Dies sollte als sechste Meinung angesehen werden.

[Al-Zamakhsharī] schrieb im Kashshāf in seiner Auslegung dieses Verses: „Er heißt: Gott lässt den Glauben nicht durch Zwang und Nötigung geschehen, sondern durch Befähigung und freie Wahl. Dementsprechend hat er gesagt: ‚Und wenn dein Herr gewollt hätte, wären die, die auf der Erde sind, alle zusammen gläubig geworden. Willst du nun die Menschen (dazu) zwingen, das sie gläubig werden?‘ (Q 10:99) Das heißt: Wenn er gewollt hätte, hätte er sie zum Glauben gezwungen. Aber das hat er eben nicht getan, sondern den Glauben auf die Grundlage freier Wahl gestellt. Dies sollte als siebte Meinung angesehen werden.

Was betont werden muss und erfordert, dass wir näher darauf eingehen, ist, dass der Vers dem Grund zufolge, bezüglich dessen er geoffenbart wurde, eindeutig gültig und nicht abrogiert ist. Dieser Grund bestand darin, dass, wenn eine Frau von den anṣār keinen überlebenden Sohn hatte, sich auferlegte, dass, wenn ein Sohn von ihr überlebe, sie ihn zum Juden mache. Als die Juden von den Banū l-Naḍīr [einer der jüdischen Stämme von Medina] vertrieben wurden, waren unter ihnen Söhne der anṣār, welche sagten: „Wir lassen unsere Söhne nicht ziehen!“ Daraufhin kam der Vers herab. Das überliefern Abū Dāwūd, al-Nasāʾī, Ibn Jarīr, Ibn al-Mundhir, Ibn Abī Ḥātim, Ibn Ḥibbān, Ibn Mardawaih, al-Baihaqī in den Sunan und al-Ḍiyāʾ in seiner Auswahl der Überlieferungen über Ibn ʿAbbās. Diese Geschichte existiert in verschiedenen Varianten, deren wesentlicher Punkt das ist, was Ibn ʿAbbās berichtete, mit Hinzufügungen, die umfassen, dass die anṣār sagten: „Wir haben ihnen ihre Religion, also die der Juden, gegeben, weil wir sahen, dass ihre Religion besser war als die unsere. Nun brachte Gott den Islam, und den zwingen wir ihnen auf.“ Als dann der Vers geoffenbart wurde, ließ Gott den Söhnen die Wahl und zwang sie nicht zum Islam. Dies hat zwingend zur Folge, dass die Schriftbesitzer nicht zum Islam gezwungen werden, wenn sie sich entscheiden, bei ihrer Religion zu bleiben, und die Jizya zahlen.

Was aber die Leute des Krieges [d.h., die Ungläubigen, die keine Schriftbesitzer sind] angeht,so umfasst der Vers sie auch, denn die Verneinung des unbestimmten Nomens [„Zwang“] in Kombination mit dem bestimmten Nomen [„Religion“] hat solch eine allgemeine Bedeutung zur Folge. Im Grundsatz folgt die Auslegung dem allgemeinen Wortlaut des Verses, nicht den Spezifika des Offenbarungsanlasses. Allerdings wird dieser allgemeine Wortlaut eingeschränkt durch die Verse, die darüber vorliegen, dass die Leute des Krieges unter den Ungläubigen zum Islam gezwungen werden.

[Es folgt die Auslegung des zweiten Versteils und des Folgeverses. Dann kommt, wie immer bei al-Shawkānī, ein zweiter Teil mit normalerweise unkommentierten Hadithen zum Vers, die er aus al-Suyūṭīs al-Durr al-manthūr entnommen hat.]

Eine Reihe von Exegeten [die al-Shawkānī namentlich aufzählt] führen den zuvor genannten, auf Ibn ʿAbbās zurückgehenden Offenbarungsanlass zu dem Satz „In der Religion gibt es keinen Zwang“ an. Er [Ibn ʿAbbās] fügte hinzu: Der Prophet stellte die Söhne vor die Wahl [beim Judentum zu bleiben oder den Islam anzunehmen]. Verschiedene [wiederum namentlich genannte] Exegeten überliefern von al-Shaʿbī eine ähnliche Geschichte. Dieser sagte [außerdem]: Zu ihnen, d.h. den Banū l-Naḍīr, hielt, wer nicht den Islam annahm; wer den Islam annahm, der blieb. Eine Reihe von [namentlich genannten] Exegeten berichtet über Mujāhid, dieser habe gesagt, einige der anṣār seien bei den Banū Quraiẓa [ein anderer jüdischer Stamm aus Medina] aufgezogen worden und hätten deren Religion fest angenommen. Als dann der Islam kam, wollten ihre Leute sie zum Islam zwingen, woraufhin der Vers herabkam. Ibn Jarīr [al-Ṭabarī] berichtet über al-Ḥasan Ähnliches.

Ibn Isḥāq und Ibn Jarīr überlieferten, Ibn ʿAbbās habe über den Vers gesagt, er sei geoffenbart worden mit Bezug auf einen Mann unter den anṣār, einen al-Ḥaṣīn aus der Sippe der Banū Sālim b. ʿAuf, der zwei christliche Söhne hatte. Er selber war Muslim. Er sagte zum Gesandten Gottes: „Soll ich sie nicht zwingen? Sie lehnen alles außerdem Christentum ab.“ Da sei der Vers herabgekommen. Eine andere Überlieferung über Ibn ʿUbaida sagt Ähnliches; ebenso berichten es eine Reihe weiterer [namentlich genannter] Überlieferer und Exegeten über al-Suddī. Eine Reihe von [namentlich genannten] Exegeten berichten über Qatāda, er habe gesagt: „Die Araber hatten keine Religion; sie wurden mit dem Schwert zur Religion gezwungen.“ Er sagte: „Zwingt nicht die Juden, und auch nicht die Christen und die Zoroastrier, sofern sie die Jizya bezahlen.“ Saʿīd b. Manṣūr überlieferte über al-Ḥasan Ähnliches. Al-Buḫārī überlieferte über Aslama: „Ich hörte, wie ʿUmar b. al-Khaṭṭāb [der zweite Kalif, 632-644] zu einer betagten Christin sagte: ‚Nimm den Islam an, dann wird es dir gut ergehen‘, doch sie lehnte ab. Da sagte ʿUmar: ‚Bei Gott, ich bezeuge‘, und er rezitierte ‚In der Religion gibt es keinen Zwang‘. Weiterhin überlieferten verschiedene [namentlich genannte] Überlieferer über ihn, er habe zu seinem Sklaven Zanbaq al-Rūmī gesagt: „Wenn du den Islam annähmest, würde ich dich um Hilfe bitten bei der Regierung der Muslime“, doch jener lehnte ab. Da sagte ʿUmar: „Es gibt keinen Zwang in der Religion.“ Schließlich überlieferten Ibn al-Mundhir und Ibn Abī Ḥātim über Sulaimān b. Mūsā über den Vers, er sei von Q 9:73 [s.o.] abrogiert worden.

Al-Shawkānī scheint hier zunächst einen klassischen enzyklopädischen Kommentar abzuliefern, der frühere Auslegungen zusammenstellt. Dabei geht er sehr systematisch vor und legt, anders als viele andere Kommentare, auch die Auffassungen von Exegeten wie Ibn Kathīr und al-Bayḍāwī, die sich nicht auf ältere Überlieferungen stützen, als eigene Auslegungen dar. Ebenfalls typisch für ihn sind der sehr sorgfältige Umgang mit den überlieferten Offenbarungsanlässen und die eigenständige Analyse. Er bewertet hier offenbar eine der verschiedenen als Offenbarungsanlass in Frage kommenden Geschichten, nämlich die über die kinderlosen Frauen von Medina, als besonders glaubwürdig. Anders als viele andere Exegeten leitet er aus dem Offenbarungsanlass jedoch nicht geradlinig ab, dass der Vers sich nur auf Schriftbesitzer beziehe, denn in sprachlicher Hinsicht sei die koranische Aussage „In der Religion gibt es keinen Zwang“ eindeutig als allgemeine Aussage formuliert. Sie werde jedoch durch andere koranische Aussagen, die sich auf Spezialfälle beziehen, eingeschränkt. Für al-Shawkānī hat der – sprachlich genau zu untersuchende – Wortlaut des Korans hier also zentrale Bedeutung als exegetisches Prinzip. Andere koranische Aussagen schränken die generelle Bedeutung des Verses zwar ein, er ist aber nicht von vornherein einschränkend gemeint. Anscheinend geht al-Shawkānī also von einer Art Teilabrogation – einer Abrogation des Verses nur mit Bezug auf die Nicht-Schriftbesitzer unter den Nichtmuslimen – aus.

Sonntag Familientag?

Ein Beitrag zum Themengebiet Familie, geschrieben am 13. Mai 2013 von Johanna

Seit bald einem Jahr wohnen wir ja in Freiburg-Lehen, und dort gilt offenbar flächendeckend: Sonntag ist Familientag. Ich muss gestehen, mir war dieses Konzept neu; in unserem Berliner Bekanntenkreis war es überhaupt nicht verbreitet, da gab es eigentlich keinen besseren Tag als den Sonntag, um andere Familien zu treffen. Zudem bietet sich ein sonntäglicher Familientag für uns auch deswegen nicht so an, weil wir keine Großeltern in erreichbarer Nähe  haben, die man dann pflichtgemäß besuchen müsste. Und ganz ehrlich: Uns fehlt sehr oft die Energie, unseren Kindern aufregende, aus dem Rahmen fallende Aktivitäten außer Haus zu bieten.

Resultat: Die Kinder hocken zuhause herum, insbesondere bei Regenwetter, und langweilen sich. Wenn die Sonne scheint, gehen sie raus und langweilen sich, weil keine anderen Kinder da sind. Selbst wenn wir ihnen Brettspiele o.ä. anbieten, ist es sehr schwer, etwas zu finden, das allen Spaß macht, vom Neunjährigen bis zur Dreijährigen. Ein, zwei, drei Verabredungen mit anderen Kindern – gern auch alle bei uns im Haus – würden das Leben wirklich leichter machen. Offenbar gibt es aber viele Familien, die das anders empfinden, die so einen Familiensonntag schön und angenehm finden. Bloß: Wenn es eine Sache gibt, die für ca. siebenunddreißigfach belastete Eltern wie uns tödlich ist, dann ist es die Frage „Was machen wir falsch?“ Vielleicht finden wir sie ja noch, die Familien, die ihre Kinder auch am Sonntag rauslassen. :)