Archiv für April 2013

Die verfolgten Deutschen

Ein Beitrag zum Themengebiet Gesellschaft, Islam, geschrieben am 12. April 2013 von Johanna

Da schaue ich am frühen Morgen auf Facebook und einer jener Posts schaut zurück, in denen geballte Empörung darüber verbreitet wird, dass „wir“ armen Deutschen von den bösen Ausländern (gemeint sind natürlich nicht Italiener oder Vietnamesen, sondern Muslime) diskriminiert werden. Diesmal geht es darum, dass angeblich in baden-württembergischen Schulen eine Anweisung kursierte, „Grüß Gott“ nicht mehr als Gruß zu benutzen. Aus Rücksicht auf Multikulti, den Islam (der ja bekanntlich etwas gegen das Konzept „Gott“ hat) und so. Im weiteren Verlauf des angeblichen Protestbriefes einer angeblichen Lehrerin werden dann noch mehr derlei unzutreffender Behauptungen – es gab nämlich niemals eine solche Anweisung! – verbreitet, zum Beispiel, das „deutsche Motto“ laute „Im Namen Gottes“, Deutschland sei ein christlicher Staat und Kruzifixe gehörten in deutsche Klassenzimmer. Wem das nicht passe, der solle eben nach Hause gehen. Vielleicht sollte man das mal dem deutschstämmigen Atheisten sagen, der damals semi-erfolgreich gegen die Kruzifixe in bayerischen Schulen geklagt hatte. Der geht bestimmt gern „zurück“ nach Atheististan.

Es ist einfach nur noch ermüdend. Da empören sich Leute, denen es mit hundertprozentiger Sicherheit noch nie passiert ist, dass sie wegen ihrer Hautfarbe, ihres Namens oder ihrer Religion eine Wohnung oder Arbeit nicht bekommen haben, und glauben, sie würden in Deutschland diskriminiert. Weil man als kopftuchtragende Lehrerin hier ja die Stellen hinterhergeschmissen bekommt, während die blondierten Deutschen alle arbeitslos… Ach, anderes Thema. Na gut. Dann also: Weil Neukölln überall ist. Was auch falsch ist; Neukölln ist nämlich in Berlin, und es gibt schon Gründe dafür, dass es nicht z.B. in Stuttgart liegt.

Aber sehen wir von solchen Differenzierungen mal ab; schauen wir auf die migrantischen Submilieus, in denen kaum Deutsch gesprochen, von Hartz IV gelebt und die Zugehörigkeit zum Islam als Habitus der Überlegenheit propagiert wird, weil man sonst nichts hat, worauf man stolz sein kann. Ich finde, man kann sich schon darüber empören, dass unsere Gesellschaft es zulässt, dass es solche Milieus gibt. Aber nicht, weil die zu diesen Milieus gehörenden Menschen hier sind und hier bleiben werden und uns unser schönes Deutschland kaputtmachen, sondern weil es bedeutet, dass da Kinder und Jugendliche ohne jede Chance aufwachsen. Darüber darf man sich schon aufregen. Und dann müsste man überlegen, was man hier – und nicht in Istanbul oder Diyarbakir – dagegen tun kann. Aber das wäre natürlich nicht so billig und bequem, wie wenn man einfach fordert, die Leute wieder nach Hause zu schicken, denn dann müsste man ja anerkennen, dass es sich um eine Verantwortung unserer Gesellschaft handelt, sich um diese Kinder und Jugendlichen zu kümmern, deren Eltern oder Großeltern man mal hierhingeholt hat. Einfacher ist es sicher, seine Ressentiments zu pflegen.

Und es geht meines Erachtens ausschließlich um die Pflege von Ressentiments bei dieser ganzen Empörung. Sonst würde man sich ja über die wirklichen Probleme unterhalten und nicht irgendwelche absurden Geschichten über Begrüßungen in der Schule fabrizieren. Zum Beispiel könnte man dann auch mal über die Nachkommen italienischer Migranten reden, die von allen Migrantengruppen den niedrigsten Bildungserfolg haben, deutlich unter den Türken. Das interessiert aber keinen. Solange die in ihren Pizzerien und Eisdielen arbeiten, ist es offenbar egal, ob die schlecht Deutsch sprechen und bloß Hauptschulabschluss haben. Oder über die enorme Kriminalität unter Vietnamesen – Menschenhandel, Zigarettenschmuggel, Schutzgelderpressung. Das interessiert aber keinen, solange man bei denen billig seine Zigaretten kaufen kann und die Opfer bloß Vietnamesen und der deutsche Fiskus sind. Und deutsche Bildungsversager, die interessieren schon gar nicht. Die stellen das eigene Selbstverständnis nicht so in Frage; auf die kann man seine eigenen Abstiegsängste auch nicht so gut projizieren.

Könnten die Deutschen sich nicht irgendwann mal ein anderes Feindbild backen? Vielleicht, wenn China die neue Weltmacht wird oder so? Das wäre eine nette Abwechslung.