Archiv für Februar 2013

Chancengleichheit und Begabtenförderung

Ein Beitrag zum Themengebiet Gesellschaft, Wissenschaft, geschrieben am 4. Februar 2013 von Johanna

Seit Jahren arbeite ich immer mal wieder an Auswahlverfahren zweier Begabtenförderungswerke mit, durch Auswahlseminare, Vorschläge oder Auswahlgespräche. Oft habe ich zu den Auswahlverfahren beigetragen, war aber nicht immer an der abschließenden Entscheidung beteiligt. Je mehr ich die Ergebnisse dieser Auswahlverfahren verfolge, desto mehr stellt sich mir die Frage, ob es bei den Auswahlkriterien nicht ein grundlegendes Problem gibt.

Die Begabtenförderungswerke diskutieren ja seit einigen Jahren die Tatsache, dass bei den meisten von ihnen – auch den linken – Studierende aus Akademikerhaushalten extrem stark überwiegen. Dafür sind diverse Ursachen ins Feld geführt worden, z.B. der psychologische Effekt, dass Auswählende unbewusst Bewerberinnen und Bewerber auswählen, die ihnen ähnlich sind, oder dass Studierende aus Nichtakademikerfamilien oft weniger selbstbewusst auftreten und nicht so gut darin sind, sich zu verkaufen. Stimmt sicher alles, ist aber durch Bewusstseinsänderung bei den Auswählenden zumindest zum Teil zu beeinflussen – ich jedenfalls gebe mir Mühe, mir diesen Prozess bewusst zu machen. Die Stiftungen äußern alle den Wunsch, den Anteil von Studierenden aus bildungsfernen Milieus, auch von Migranten, unter den von ihnen Geförderten, deutlich zu erhöhen.

Ich kann mich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass das Problem nicht so leicht zu beheben ist, solange man „soziales Engagement“ (politische Stiftungen) oder „vielfältige Interessen und einen breiten Horizont“ zu unverzichtbaren Auswahlkriterien macht. Das führt nämlich – so die Beobachtung, die ich jetzt mehrfach sehr deutlich gemacht habe – dazu, dass die Studierenden mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, die über ein Austauschjahr in Südamerika sowie musikalische und künstlerische Hobbys seit frühester Kindheit verfügen, ebenso klar im Vorteil sind wie diejenigen, die nicht 20h/Woche jobben müssen, um sich zu finanzieren, und daher in der Lage sind, Kindertheater, Leseförderung oder Parteiarbeit zu betreiben. Natürlich gibt es hin und wieder auch z.B. türkischstämmige Bafög-Empfänger, die sozial engagiert sind, die halbe Weltliteratur auswendig kennen usw., und ich bin von deren Leistung extrem beeindruckt, vor allem, wenn ich überlege, wie leicht mir selbst so etwas gemacht wurde. Aber es gibt eben auch exzellente, motivierte Studierende mit einer reifen Persönlichkeit, für die es angesichts ihrer Herkunft schon eine überaus beeindruckende Leistung ist, sich an einer deutschen Uni behaupten und gleichzeitig noch ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Oder solche, die vielleicht an der Uni erst langsam entdecken, was für Möglichkeiten das Leben so bietet, und denen die Förderung durch ein Begabtenförderungswerk diesen Prozess deutlich erleichtern würde. Ich habe Studenten, die als junge Erwachsene aus Afrika nach Deutschland gekommen sind und sich selbst finanzieren. Sollen die vielleicht noch nebenher Bratsche lernen und der SPD beitreten? Ich finde, wenn die ihr Studium mit sehr guten Leistungen in der Regelstudienzeit durchziehen, dann ist das verdammt viel und jedes Begabtenförderungswerk sollte aufmerksam auf sie werden, anstatt sie in der Vorauswahl rauszuschmeißen. Mir sind solche Personen allemal lieber als die langweiligen Parteischranzen, die man bei den politischen Stiftungen immer so hat, oder die 08/15 aquarellmalenden höheren Töchter, die man bei der Studienstiftung gern zu Gesicht bekommt (der Fairness halber: Die bekommen meist auch kein Stipendium, wenn nicht noch mehr dahintersteckt).

Entscheidend sollte sein, was jemand aus seinen oder ihren Möglichkeiten gemacht hat UND was für ein Potenzial er oder sie besitzt, um in Zukunft noch viel mehr aus diesen Möglichkeiten zu machen. Wenn eine herausragende Absolventin mit einem fundierten, spannenden und auch noch gesellschaftlich relevanten Promotionsprojekt schon in der Vorauswahl rausfliegt, obwohl sie die angeblich so begehrten Kriterien Migrationshintergrund und Nichtakademikereltern erfüllt, dann kann es mit der Begehrtheit dieser Kriterien nicht so weit her sein – da mag sich das betreffende Begabtenförderungswerk noch so sehr hinter fehlenden musisch-künstlerisch-sozial-naturwissenschaftlichen Interessen verstecken.