Archiv für November 2011

In der Religion gibt es keinen Zwang: Al-Qurṭubī

Ein Beitrag zum Themengebiet Allgemein, Islam, Wissenschaft, geschrieben am 22. November 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.

Al-Qurṭubīs (st. 1272) monumentaler Korankommentar Al-Jāmiʿ li-aḥkām al-Qurʾān ist einer der Höhepunkte der enzyklopädischen Exegesetradition, also solcher Werke, die versuchen, alle existierenden Auslegungen zusammenzustellen, zu ordnen, bisweilen zu bewerten und bisweilen eigene Meinungen hinzuzufügen; oft lassen sie sie aber auch unkommentiert nebeneinander stehen. Al-Qurṭubī stammte, wie sein Name („Mann aus Cordoba“) nahelegt, aus Andalusien und starb in Kairo; er war ein eminenter malikitischer Rechtsgelehrter.

[…] Unter den Gelehrten gibt es zu diesem Vers sechs verschiedene Meinungen.

  1. Es heißt, der Vers sei abrogiert worden, denn der Prophet habe die Araber zum Islam gezwungen und gegen sie gekämpft, ohne von ihnen abzulassen, bis sie den Islam annahmen. Dies meinte Sulaymān b. Mūsā, der sagte, der Vers sei durch Q 9:73 („Oh Prophet! Bekämpfe die Ungläubigen und die Heuchler“) abrogiert worden. Dies überlieferten auch Ibn Masʿūd und Kathīr über die [frühen] Exegeten.
  2. Der Vers sei nicht abrogiert, sondern allein mit Bezug auf die Schriftbesitzer geoffenbart worden. Denn diese sollen nicht zum Islam gezwungen werden, sofern sie die Jizya zahlen; gezwungen werden vielmehr die Heiden, von denen nichts als der Islam akzeptiert wird und auf die sich Q 9:73 bezieht. Dies meinen al-Shaʿbī, Qatāda, al-Ḥasan und al-Ḍaḥḥāk. Der Beleg für diese Meinung ist eine Überlieferung Zayd b. Aslams über seinen Vater, der berichtete, er habe ʿUmar b. al-Khaṭṭāb zu einer christlichen Greisin sagen gehört: „Nimm den Islam an, oh Greisin, bekehre dich! Gott hat mit Muḥammad mit der Wahrheit gesandt.“ Da sagte sie: „Ich bin hochbetagt und der Tod ist mir nahe!“ ʿUmar antwortete: „Gott sein dafür Zeuge“, und er rezitierte „Es gibt keinen Zwang in der Religion.“
  3. Die Meinung, die Abū Dāwūd über Ibn ʿAbbās überlieferte, der sagte, der Vers sei mit Bezug auf die anṣār geoffenbart worden. Wenn unter ihnen eine Frau keinen überlebenden Sohn gehabt habe, habe sie ein Gelübde abgelegt, dass sie, falls sie einen Sohn haben werde, der überlebe, diesen zum Judentum übertreten lassen werde. Als nun die Banū al-Naḍīr vertrieben wurden, waren unter ihnen viele Söhne der anṣār. Sie [die anṣār] sagten: Wir geben unsere Söhne nicht her! Daraufhin offenbarte Gott diesen Vers. […] In einer Überlieferung heißt es: Wir taten dies, weil wir meinten, dass ihre Religion [d.h. die jüdische] besser sei als unsere. Als Gott aber den Islam brachten und wir sie zu ihm zwingen wollten, wurde der Vers „In der Religion gibt es keinen Zwang“ geoffenbart. Wer will, soll bei ihnen [den Juden] bleiben, und wer will, soll den Islam annehmen. Das meinen Saʿīd b. Jubayr, al-Shaʿbī und Mujāhid, der allerdings sagte, der Grund dafür, dass sei bei den Banū al-Naḍīr gewesen seien, sei gewesen, dass deren Frauen ihre Ammen gewesen seien. Al-Naḥḥās meinte, die Ansicht von Ibn ʿAbbās sei die wahrscheinlichste, weil ihr isnād [Überliefererkette] unanfechtbar sei und weil man allein mit dem Verstand keine gleichwertige Auslegung erzielen werde.
  4. Al-Suddī meinte, der Vers sei mit Bezug auf einen Mann von den anṣār geoffenbart worden, der Abū Ḥuṣayn hieß und zwei Söhne hatte. Es kamen Händler mit Öl aus Syrien nach Medina. Als sie die Stadt wieder verlassen wollten, kamen die beiden Söhne al-Ḥuṣayns zu ihm, und die Händler bekehrten sie zum Christentum, woraufhin die beiden mit ihnen nach Syrien abreisten. Ihr Vater ging zum Propheten, um sich über die Angelegenheit zu beschweren; er wollte, dass der Prophet die beiden zurückholen lasse. Da wurde der Vers „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ geoffenbart, und es wurde damals nicht befohlen, die Schriftbesitzer zu bekämpfen. Der Prophet sagte: „Gott entfernte sie [von uns]; sie sind die ersten, die ungläubig wurden!“ Abū al-Ḥuṣayn aber grollte dem Propheten, als dieser seine Söhne nicht zurückholen ließ. Da sandte Gott der Erhabene folgenden Vers herab: „Aber nein, bei deinem Herrn, sie glauben nicht – bis sie dich zum Richter machen über das, was zwischen ihnen strittig ist.“ (Q 4:65). Dann hat Gott dieser exegetischen Meinung zufolge den Vers „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ abrogiert und in der neunten Sure den Kampf gegen die Schriftbesitzer befohlen. Der richtige Offenbarungsanlass von Q 4:65 aber ist ein Hadith über einen Streit zwischen al-Zubayr und seinem Nachbarn über die Bewässerung, wie ich dort näher erläutern werde, so Gott will.
  5. Es wurde auch gesagt, die Bedeutung des Verses sei, man solle nicht zu jemandem, der unter dem Schwert den Islam angenommen hat, sagen, er sei mit Gewalt gezwungen worden; das ist die fünfte Meinung.
  6. Die sechste Meinung lautet, der Vers sei mit Bezug auf Kriegsgefangene niedergelegt worden. Wenn sie Schriftbesitzer seien, dann sollten sie nicht gezwungen werden, sofern sie volljährig sind; wenn sie aber Zoroastrier, gleich ob jung oder alt, oder Heiden seien, dann sollten sie zum Islam gezwungen werden, denn wer sie gefangen nimmt, hat keinen Nutzen von ihnen, solange sie Heiden sind. Schließlich kann er das von ihnen Geschlachtete nicht essen und nicht mit ihren Frauen verkehren, wo sie doch den Verzehr von Aas, unreinen Tieren und anderem für religiös erlaubt halten, so dass ihr Eigentümer sie unrein findet und es ihm unmöglich ist, sie als Eigentum zu nutzen. Daher dürfe er sie zwingen. So überlieferte es Ibn Qāsim von Mālik. Ashhab hingegen sagte: „Sie gehören der Religion dessen an, der sie gefangennahm. Wenn sie sich weigern, dann werden sie zum Islam gezwungen. Die Minderjährigen aber haben keine Religion; daher werden sie zum Beitritt zur Religion des Islams gezwungen, damit sie nicht einer nichtigen Religion zufallen. Was aber die übrigen Arten des Unglaubens angeht, so gilt, dass seine Anhänger, wenn sie die Jizya zahlen, nicht zum zum Islam gezwungen werden, gleich ob sie Araber oder nicht Araber, Quraysh oder andere sind.“ Das und was die Gelehrten über die Jizya und diejenigen, von denen sie akzeptiert wird, sagen, kommt im Kommentar zur neunten Sure, so Gott will.

Al-Qurṭubī bezieht zu den zitierten Auslegungen nicht klar Stellung, distanziert sich aber von der vierten. Die sechste zitierte Auslegung ist deutlich ahistorisch und spiegelt eher die Anliegen von al-Qurṭubīs Zeit wider, unter anderem das Militärsklaventum, dessen Grundvoraussetzung die Islamisierung minderjähriger Kriegsgefangener war.

Kein Zwang in der Religion: Al-Samarqandī und al-Fīrūzābādī

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 22. November 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.

Al-Samarqandī und al-Fīrūzābādī sind zwei sehr unterschiedliche Exegeten, zwischen denen mehrere Jahrhunderte liegen. Al-Samarqandī (st. um 1000) stammte, wie sein Name vermuten lässt, aus dem Osten der islamischen Welt, al-Fīrūzābādī (st. 1415) aus dem Iran, hielt sich aber überwiegend in Jerusalem, Mekka und dem Jemen auf. Beide haben relativ knappe Korankommentare verfasst und sind hier zusammengefasst, weil sie in ihrer Auslegung von Koran 2:256 auf die äußerst liberale Auslegung von Muqātil b. Sulaymān zurückzugreifen scheinen, die in den meisten anderen Korankommentaren keine Rolle spielt (soweit ich es bisher überblicken kann).

Al-Samarqandī schreibt: „Übt auf niemanden Zwang in der Religion aus, nachdem Mekka erobert wurde und die Araber den Islam angenommen haben. ‚Der rechte Weg ist klar geworden gegenüber dem Irrweg‘, das heißt, die göttliche Rechtleitung ist gegenüber dem Irrweg klar geworden. Manche sagen auch, es heiße, der Islam sei klar gegenüber dem Unglauben erkennbar geworden; wer den Islam annehme, [der kann dies tun]; sonst obliegt ihm die Zahlung der Jizya und er wird nicht zum Islam gezwungen.“

Al-Fīrūzābādī schreibt: „Keiner von den Schriftbesitzern und den Zoroastriern soll zum tawḥīd [Bekenntnis zur Einheit und Einzigkeit Gottes] gezwungen werden, nachdem die Araber den Islam angenommen haben.“

Al-Samarqandīs Auslegung differenziert überhaupt nicht zwischen verschiedenen Arten Nichtmuslimen, sondern lehnt – wie dies auch Muqātil tut – Zwang in der Religion pauschal ab. Al-Fīrūzābādī nimmt eine Beschränkung auf Schriftbesitzer und Zoroastrier in seinen Vers auf, die nicht so recht zu dem Bezug auf die Annahme des Islams durch die Araber (der auf Muqātil zurückgeht) passt. Immerhin ergänzt er hier jedoch die Schriftbesitzer, wohl aufgrund seiner iranischen Herkunft, durch die Zoroastrier, und seine Formulierung von der Annahme des tawḥīd deutet darauf hin, dass es erlaubt sein kann, Polytheist zu bleiben.

Vom Türken zum Muslim

Ein Beitrag zum Themengebiet Computer & Internet, Gesellschaft, Islam, geschrieben am 3. November 2011 von Johanna

Ngrams sind ein nettes Tool, um die historische Entwicklung von Begriffen im Korpus von Google Books darstellen zu lassen. Leider fallen mir dafür immer nur Anwendungsmöglichkeiten ein, die das Offensichtliche illustrieren, wie diese hier. Trotzdem nett, es einmal graphisch bestätigt zu sehen.