Archiv für Oktober 2011

Kein Zwang in der Religion: Jamāl al-Dīn al-Qāsimī

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 25. Oktober 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.


Jamāl al-Dīn al-Qāsimī (1866-–1914) war ein Vertreter der so genannten frühen Salafiyya-Bewegung, einer islamischen Reformbewegung, die um die Wende zum 20. Jahrhundert eine Anpassung des Islams an die Bedingungen der Moderne anstrebte mit dem Ziel, die islamische Welt gegenüber dem Kolonialismus zu stärken. Er kam aus einem Damaszener Gelehrtenmilieu und näherte sich als junger Mann zunehmend reformistischen Ideen an; mit den Ägyptern Muḥammad ʿAbduh und Rashīd Riḍā stand er im Austausch. Sein umfangreicher Korankommentar Maḥāsin al-taʾwīl ist unter heutigen muslimischen Exegeten vielleicht noch beliebter als der im Westen weit bekanntere Tafsīr al-Manār Rashīd Riḍās, wohl weil al-Qāsimī vormoderne Traditionen der Koranexegese und des Rechts stärker berücksichtigt und mit seinen reformistischen Ideen in Einklang zu bringen sucht.

„In der Religion gibt es keinen Zwang. Der rechte Weg ist klar geworden gegenüber dem Irrweg.“ Ibn Kathīr meint dazu: „Das heißt: Zwingt niemanden, der Religion des Islams beizutreten, denn diese ist klar und deutlich [als richtig erkennbar], und die Beweise für sie sind über jeden Zweifel erhaben. Daher ist es nicht nötig, jemanden zum Beitritt zu ihr zu zwingen, sondern wen Gott zum Islam leitet, wem er das Herz und die Augen öffnet, der tritt ihm erwiesenermaßen bei. Wessen Herz Gott aber blind macht und wessen Gehör und Blick er versiegelt, dem wird ein gewaltsam erzwungener Übertritt nichts nützen.“ Die Verneinung ist hier im Sinne eines Verbotes zu verstehen.

So legen viele den Vers aus. Andere verstehen ihn als rein ontologische Aussage [khabar], nämlich dass Gott den Glauben nicht auf Zwang und Gewalt gründete, sondern auf die Befähigung zu ihm und die Wahlfreiheit. Al-Qaffāl sagte zur Erklärung, dass Gott, nachdem er die Beweise für den tawḥīd [die Einheit und Einzigkeit Gottes] so klar dargelegt habe, dass kein Raum für Ausflüchte bleibe, nun mitteile, dass nach der Darlegung dieser Beweise dem Ungläubigen keine Entschuldigung [gegenüber Gott] für das Verharren im Unglauben bleibe, wenn er nicht zum Glauben gezwungen und genötigt werde; dies aber ist nicht erlaubt in dieser Welt, die eine Welt der Prüfung ist! Denn durch den gewaltsamen Zwang zum Glauben wird der Sinn der Prüfung, des Auf-die-Probe-Stellens, ad absurdum geführt. Man betrachte dazu folgende Verse: „Wer will, der glaube, und wer da will, der bleibe ohne Glauben!“ (Q 18:29) und „Hätte dein Herr gewollt, so würden alle auf der Erde gläubig werden, insgesamt. Willst du die Menschen etwa zwingen, dass sie gläubig werden?“ (Q 10:99) und „Vielleicht wirst du niedergeschlagen sein, dass sie nicht gläubig sind. Wenn wir es wollen, senden wir vom Himmel ein Zeichen auf sie herab, vor dem sie ihre Nacken gebeugt halten müssen.“ (Q 26:3-4).


Erläuterung:

Dieser Vers macht deutlich, dass das Schwert des Jihad, das weder durch die Handlungen der Gerechten noch der Ungerechten außer Kraft gesetzt wird, nicht eingesetzt wurde, um den Beitritt zum Islam zu erzwingen, sondern zum Schutz des Aufrufs zur Religion und der Unterwerfung unter ihren Herrscher und dessen gerechtes Urteil. […]


Al-Qāsimī möchte also einerseits den Jihad gegenüber westlichen Vorwürfen, er habe zur Verbreitung des Islams „mit Feuer und Schwert“ gedient, verteidigen und andererseits die Ansicht derjenigen Reformisten zurückweisen, die den bewaffneten Jihad komplett für ungültig erklären wollen.