Archiv für September 2011

Die Piraten und die Frauen

Ein Beitrag zum Themengebiet Berlin, Gesellschaft, geschrieben am 26. September 2011 von Johanna

Ich gebe es zu: Ich habe Sympathien für die Piratenpartei. Ja, ihr Berliner Wahlprogramm war naiv und lückenhaft; das war bei den Grünen früher auch so. Trotzdem haben sie viel bewegt, und das Gleiche traue ich auch den Piraten zu. Sie haben das Potenzial, ein wichtiges Thema auf die Agenda zu setzen und Bevölkerungsschichten für Politik zu interessieren, die der Politikbetrieb bislang vollkommen kalt gelassen hat.

Ich gebe aber auch zu, dass Beiträge wie dieser hier, der u.a. auf Facebook vielfach verlinkt wurde, mich mehr als abschrecken. Aus meiner Sicht ist das so post-gender, dass es schon wieder reaktionär ist. „Wofür ist das wichtig, wieviele weibliche Abgeordnete wir haben? Für gar nichts.“ Okay, das kann man so sehen. Muss sich dann aber auch nicht wundern, dass viele der zurückgebliebenen Wesen, die sich im 21. Jahrhundert immer noch als weiblich definieren, mit großer Mehrheit weder zu den Piraten kommen noch sie wählen.

Zunächst einmal finde ich es intellektuell ziemlich armselig, jeden Versuch einer Genderdiskussion mit dem Verweis auf die Existenz von Transgenderlebewesen abzuwehren, die durch die Frauenquote benachteiligt würden (selbst wenn sie sich in vielen Fällen durchaus als Männer oder Frauen definieren!). Genausogut könnte man jede Debatte über Rassismus ablehnen mit Verweis auf Personen, die sich wegen ihrer buntgemischten Herkunft keiner klaren Kategorie zugehörig fühlen, und überhaupt, allein die Existenz dieser Kategorien sei rassistisch. Ist sie ja auch, aber ändert das etwas daran, dass man als dunkelhäutiger Mensch hierzulande so manche Probleme hat, die ein hellhäutiger nicht hat? Wohl kaum. Also sollte man auch drüber reden. Und zwar nicht nur darüber, ob es „Rasse“ überhaupt gibt und geben darf, sondern konkret darüber, was man tun kann, damit dunkelhäutige Menschen leichter eine Wohnung oder einen Job finden, im Ausländeramt besser behandelt werden (falls sie keinen deutschen Pass haben) usw.

Mag ja sein, dass viele der bei den Piraten aktiven Frauen sich überhaupt nicht diskriminiert fühlen und sich aktiv einbringen (natürlich ohne dabei Mandate zu wollen, Frauen fühlen sich halt einfach im Rampenlicht nicht so wohl… sie wirken lieber hinter den Kulissen… hach, sind wir postgender…), aber das greift dann doch ein bisschen kurz, wenn man nicht auch die Frauen anschaut, die von ihrer Grundeinstellung her vielleicht zu den Piraten eine Affinität hätten, aber sich dort eben nicht engagieren.

Die Ursache dafür könnte man natürlich bei den bösen Medien mit ihrem veralteten Genderdiskurs suchen. Das wäre die einfache Variante. Oder man könnte sich überlegen, wie man sich für Politikfelder öffnen könnte, die bestimmte bislang bei den Piraten unterrepräsentierte Bevölkerungsschichten interessieren und dazu motivieren könnten, sich einzubringen, anstatt ihnen generös mitzuteilen, sie könnten ja beitreten und dann dafür sorgen, dass diese Themen bei den Piraten gestärkt werden. Erstens: wer garantiert ihnen, gerade angesichts vergangener Genderdiskussionen bei den Piraten, dass sie mit diesen Themen jemals eine Mehrheit finden? Und zweitens: warum sollten Menschen, die unter mehreren Parteien die Auswahl haben, zu derjenigen gehen, mit der sie bei Themen, die für sie besonders wichtig sind, keine große Schnittmenge haben?

Eine Partei, die sich in ihrem Berliner Wahlprogramm mit Rauscherfahrungen in der Schule befasst (was legitim ist), aber für Themen wie Familie oder Migration keinen halben Satz übrig hat, die wirkt auf mich und viele andere eben einfach wie ein postpubertärer weißer Männerhaufen. Klar können auch weiße Männer zu jedem erdenklichen Thema eine sinnvolle Meinung haben; man muss nicht persönlich betroffen sein, um ein Problem verstehen und lösen zu können. Man sollte aber auch nicht davor weglaufen, darüber nachzudenken.

Ich bin übrigens noch nicht einmal ein ausgeprägter Fan von Quoten. Es gibt sicher oft bessere Lösungen; manchmal gibt es vielleicht auch keine besseren Lösungen, jedenfalls übergangsweise. Da bin ich in jede Richtung offen für gute Argumente. Alles auf die Transgender-Meta-Ebene zu heben ist aus meiner Sicht aber kein gutes Argument.

Eine Partei, die sich basisdemokratischer Partizipation verschrieben hat, sollte sich einfach überlegen, ob bei einer derart unausgewogenen Mitgliederbasis ein basisdemokratisches Parteiprogramm nicht im Ergebnis wie eine Ansammlung persönlicher Betroffenheitsthemen weißer junger männlicher ITler aussehen wird und nicht wie ein ehrlicher Versuch, die zentralen Themen unserer Gesellschaft anzusprechen; und ich habe den Eindruck, dass genau das in Berlin passiert ist. Schon allein deswegen ist eine Debatte über die ausgewogene Zusammensetzung von Basis UND Repräsentanten der Partei – denn eine Partei, die fast nur von Männern repräsentiert wird, wird einfach keine Massen von Frauen anziehen, so post-gender ist unsere Gesellschaft nicht – notwendig, wenn die Piratenpartei ihren Erfolg aufrechterhalten will, und das vielleicht auch in Bundesländern, in denen der Anteil der Wähler, die mit dem „Aufbrechen binärer Geschlechterkategorien“ nichts anfangen können, noch höher ist als in Berlin. Ich bin gespannt, ob ihnen das gelingt.