Archiv für August 2011

Kein Zwang in der Religion: Muqātil b. Sulaymān

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 23. August 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.


Muqātil b. Sulaymān (st. 767 oder später) war der Verfasser des wohl ältesten erhaltenen vollständigen Korankommentars. Das Werk ist daher für die Untersuchung der Entstehung und frühen Entwicklung der muslimischen Koranexegese von besonderer Bedeutung. Es hat einen stark narrativen Charakter und speist sich offenbar zu einem erheblichen Teil aus der Tradition der Geschichtenerzähler. Manche spätere Exegeten lehnten Muqātil daher als unzuverlässig ab.

„In der Religion gibt es keinen Zwang“ gegenüber irgendjemandem, seitdem die Araber den Islam angenommen haben, sofern er nur die Jizya bezahlt. Denn der Prophet nahm die Jizya [zuerst] nur von den Schriftbesitzern an; und nachdem die Araber wohl oder übel den Islam annehmen mussten, nahm er von den übrigen den Kharaj entgegen. Als er an al-Mundhir b. Sāwī und die Bewohner von Hajar [im Osten der Arabischen Halbinsel] einen Aufruf, den Islam anzunehmen, sandte, schrieb er: „Von Muhammad, dem Gesandten Gottes, an die Bewohner von Hajar. Friede sei auf denjenigen, die der Rechtleitung folgen. Wer unser Glaubensbekenntnis ablegt; wer Fleisch verzehrt, das nach unserem Ritus geschlachtet ist; wer unsere Gebetsrichtung annimmt; und wer sich zu unserer Religion bekennt – der ist Muslim, dem der Schutz Gottes und seines Gesandten zukommt. Wenn ihr den Islam annehmt, dann obliegt euch das, was dieser Religion gemäß ist: Der Zehnte der Datteln, und der Zwanzigste des Getreides. Wer den Islam ablehnt, der muss die Jizya entrichten.“ Al-Mundhir schrieb dem Propheten zurück: „Ich habe dein Schreiben an die Bevölkerung von Hajar gelesen. Unter ihnen haben sich manche zum Islam bekehrt und andere dies abgelehnt. Die Juden und Zoroastrier haben sich für die Jizya und gegen den Islam entschieden.“ Der Prophet nahm von ihnen die Jizya an. Die Heuchler unter den Bewohnern Medinas sagten daraufhin: „Muhammad hat behauptet, er werde nicht befehlen, dass die Jizya von irgendjemandem außer von den Schriftbesitzern genommen wird; wie kommt er dann dazu, sie von den Zoroastriern aus Hajar anzunehmen, wo er dies doch unseren Vätern und Brüdern verweigerte und sie deswegen bekämpfte?“ Dieses Gerede bekümmerte die Muslime, und sie trugen es dem Propheten zu. Da offenbarte Gott den Vers: „O ihr, die ihr glaubt! Ihr habt für euch selbst zu sorgen.“ (Q 5:105) und er offenbarte „In der Religion gibt es keinen Zwang“, nachdem die Araber den Islam angenommen haben.


Muqātils Kommentar zu 2:256 ist interessant, weil er eine sehr liberale Deutung vorlegt, die in der späteren Exegese nicht mehr aufgegriffen wird, wohl weil sie mit Grundannahmen des islamischen Rechts, das zu Muqātils Zeit gerade erst anfing sich zu entwickeln, nicht übereinstimmt: Während Muqātil die Auffassung vertritt, dass nach der Islamisierung der Arabischen Halbinsel alle Nichtmuslime gegen Zahlung der Jizya unbehelligt auf islamischen Territorium leben dürften, beschränkt das islamische Recht dies auf Schriftbesitzer.

Kein Zwang in der Religion: Al-Bayḍāwī

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 22. August 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.

ʿAbdallāh b. ʿUmar al-Bayḍāwī (st. 1316) stammt aus einer schafiitischen Juristenfamilie aus Schiraz, wo er überwiegend lebte und das Richteramt innehatte. Sein Korankommentar wurde lange Zeit als eine von mu’tazilitischen Elementen befreite Rezension des in den Madrasen sehr verbreiteten Kashshāf von al-Zamakhsharī angesehen. Tatsächlich war al-Zamakhsharī die wichtigste Quelle; es gab aber wohl noch weitere, und die eigene Leistung des Exegeten ist nicht zu unterschätzen. Al-Bayḍāwīs Kommentar erlangte ebenfalls in den Madrasen große Beliebtheit; er galt aus orthodox-sunnitischer Sicht als unbedenklicher als der Kashshāf. Deswegen und aufgrund seiner Kürze ist er auch heute sehr verbreitet und in viele Sprachen der islamischen Welt übersetzt.

Wie viele Exegeten bespricht auch al-Bayḍāwī die erste Hälfte von Koran 2:256 als Einheit: „In der Religion gibt es keinen Zwang. Der rechte Weg ist klar geworden gegenüber dem Irrweg.“

„Es gibt keinen Zwang in der Religion,“ denn der Zwang ist in Wirklichkeit die Nötigung des anderen zu einer Handlung, in der er nichts Gutes sieht, das ihn zu ihr veranlassen würde. Jedoch „der rechte Weg ist klar geworden gegenüber dem Irrweg“ , der Glauben hebt sich gegenüber dem Unglauben durch klare Zeichen hervor, und alle Beweise deuten darauf hin, dass der Glaube eine Rechtleitung darstellt, die zur ewigen Glückseligkeit führt, und der Unglaube ein Irrweg, der zu ewigen Qualen führt. Der Verständige wird, nachdem ihm dies erklärt worden ist, sogleich den Glauben wählen im Streben nach dem ewigen Heil und der Errettung und wird keinen Zwang und keine Nötigung brauchen.

Vor der Darlegung der Bedeutung des Verbots, nämlich „übt keinen Zwang in der Religion aus“, muss man entscheiden, ob es von allgemeiner Bedeutung ist [d.h. alle Glaubensgruppen betrifft] und abrogiert durch Gottes Wort „Bekämpfe die Ungläubigen und die Heuchler und setze ihnen hart zu“ (Q 9:73) oder ob es sich ausschließlich auf die Schriftbesitzer bezieht aufgrund der folgenden Überlieferung: „Einer von den anṣār hatte zwei Söhne, die vor der Sendung Muhammads zum Christentum übergetreten waren. Sie trafen in Medina ein, und ihr Vater nötigte sie mit den Worten: ‚Bei Gott, ich lasse euch nicht eher bei mir ein, als bis ihr den Islam angenommen habt.‘ Sie lehnten dies ab. Schließlich trugen sie alle ihren Streit zum Gesandten Gottes. Der anṣārī sagte: ‚Gesandter Gottes, soll ich zusehen, wie mein Nachwuchs in die Hölle kommt?‘ Da wurde der Vers geoffenbart, und er ließ seine Söhne in Frieden.“