Archiv für Juli 2011

Kein Zwang in der Religion: Muhammad Quraish Shihab

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 13. Juli 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.

Muhammad Quraish Shihab (geb. 1944), indonesischer Islamgelehrter, der vor allem mit Publikationen zur Koranexegese Bekanntheit erlangt hat. Die vorliegende Übersetzung stammt aus seinem fünfzehnbändigen Korankommentar „Tafsir al-Mishbāh“ (2000-2003). Er hatte Positionen in staatlichen Institutionen und kurzzeitig auch als Religionsminister zum Ende der Suharto-Ära inne; heute ist er unter anderem im Bildungsbereich aktiv mit dem Ziel, seine Koranauslegung, die der Tradition der ägyptischen Azhar verpflichtet ist und gleichzeitig reformistische Aspekte aufweist, zu verbreiten.

Koranübersetzung des Kommentators: Es gibt keinen Zwang (sich) zur Religion (des Islams zu bekennen) [Tidak ada paksaan untuk (menganut) agama (Islam)].

Nachdem den vorangegangenen Versen zufolge für alle Menschen klar geworden ist, wer Gott ist und was sein Wesen ist, damit er angebetet wird, und dass es Pflicht ist, der Religion zu folgen, die er festgelegt hat, und nachdem ebenso klar geworden ist, dass er über eine Macht verfügt, der man nichts entgegensetzen kann, könnte man zu dem Schluss kommen, dass Gott aufgrund der genannten Umstände seine Geschöpfe zwingen könnte, seine Religion anzunehmen, besonders angesichts dieser seiner unbezwingbaren Macht. Um diese Annahme zurückzuweisen, wurde Vers 256 geoffenbart.

Es gibt keinen Zwang im Glauben an eine Religion. Warum sollte es Zwang geben, wo doch Gott niemanden braucht; warum sollte es Zwang geben, wo er doch, wenn er es gewollt hätte, gewiss uns alle zu einer umma gemacht hätte. Es muss gesagt werden, dass das, was hier mit es gibt keinen Zwang gemeint ist, die Annahme eines Glaubens ist. Das heißt, wenn jemand bereits einem Glauben anhängt, sagen wir, dem islamischen Glauben, dann ist er an dessen Gebote gebunden, er muss seine Gesetze ausführen. Er ist von Sanktionen bedroht, wenn er seine Regelungen verletzt. Er kann nicht sagen „Gott hat mir die Freiheit gegeben, zu beten oder nicht zu beten, Unzucht zu treiben oder zu heiraten.“ Denn wenn er einmal seinen Glauben angenommen hat, dann muss er dessen Gebote einhalten.

Noch etwas zur Unterstreichung dieses Verses, Es gibt keinen Zwang im festen Glauben an eine Religion: Gott will, dass alle Menschen inneren Frieden finden. Seine Religion heißt Islam, das heißt Frieden. Innerer Friede kann nicht erreicht werden, wenn die Seele keine Ruhe findet. Zwang hat zur Folge, dass die Seele keine Ruhe findet; aus diesem Grund gibt es keinen Zwang im Glauben an die Religion des Islams.

Warum sollte es Zwang geben, wenn doch der rechte Weg schon klar geworden ist gegenüber dem Irrweg? Wenn das so ist, dann ist es nur natürlich, dass alle Reisenden den rechten Weg wählen und sich nicht für den Irrweg einnehmen lassen. Es ist nur natürlich, dass alle dieser Religion beitreten. Sicher ist etwas falsch in der Seele eines Menschen, der unwillig ist, dem geraden Weg zu folgen, nachdem dieser ihm deutlich im Blick liegt. […]

Es gibt keinen Zwang daran, an eine Religion zu glauben, weil der gerade Weg klar geworden ist. Daher begehen Geisteskranke, Minderjährige und Menschen, die die Regeln der Religion nicht kennen, keine Sünde, wenn sie sie verletzen oder nicht daran glauben, denn ihnen ist der klare Weg noch nicht ersichtlich geworden. Aber sag nicht, dass du es nicht weißt, wenn du das Potenzial besitzt, es zu wissen, aber dieses Potenzial nicht nutzt! Hierfür wirst du zur Rechenschaft gezogen, weil du das Potenzial, das du besitzt, verschwendest.

Es gibt auch Menschen, die den Vers in folgender Bedeutung verstehen: Der rechte [Weg] ist klar geworden; es ist klar geworden, worin er sich von dem Irrweg unterscheidet; und es ist klar geworden, dass der eine Nutzen bringt und der andere zum Scheitern führt. Wenn das so ist, ist Zwang nicht nötig, denn man zwingt nur jemanden, der die Konsequenzen des Nichtwissens nicht erleiden will. Hier jedoch ist der Weg schon klar geworden, so dass kein Zwang nötig ist. Du zwingst vielleicht ein Kind, bittere Medizin zu trinken, weil du weißt, dass diese Medizin unabdingbar ist, um die Krankheit zu heilen, an der es leidet.

Kein Zwang in der Religion: Maududi

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 13. Juli 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.

Abu l-A‘la al-Maududi (1903-1979), indisch-pakistanischer Intellektueller und einer der wichtigsten Vordenker des politischen Islams. Sein kurzer Korankommentar, der die Form einer annotierten Übersetzung hat, erschien zunächst in journalistischer Form in Urdu und wurde später ins Englische übersetzt; in beiden Sprachen ist er weit verbreitet, vor allem im Internet. Ihm ging es um die Interpretation des Islams als allumfassende Ordnung, deren Umsetzung einen islamischen Staat und die vollständige Anwendung islamischen Rechts erfordere. Ich stütze mich hier auf die englische Übersetzung und nicht auf das Original, insofern ist eine gewisse Zurückhaltung angebracht. Maududi ist aber zu wichtig für spätere islamistische Exegeten, als dass man ihn unterschlagen könnte.

Eine Anmerkung zum Kommentar: Maududi ordnet – typisch für ihn und viele andere moderne Korankommentatoren, aber höchst untypisch für vormoderne Exegeten – den einzelnen Koranvers in einen größeren Zusammenhang ein, betrachtet umfangreiche Passagen als Einheit und stellt Querbezüge her. Einige dieser Verweise habe ich bei der Übersetzung weggelassen, aber vor allem der Verweis auf den zweiten Teil von Q 2:256 ist für Maududis Auslegung zentral.

[…] die Aufklärung eines Missverständnisses, das oft bei unwissenden Menschen entsteht. Dieses Missverständnis rührt von der falschen Annahme her, dass Gott seine Propheten gesandt habe, damit alle Verschiedenartigkeit und Uneinigkeiten beendet würden. Die Menschen, die diese Annahme für wahr hielten, sahen jedoch erhebliche Verschiedenartigkeit und Uneinigkeiten, und ihnen war bewusst, dass Falschheit Seite an Seite mit der Wahrheit existierte. Sie waren von dem Gedanken verstört, dass dieser Zustand auf Gottes Hilflosigkeit hindeuten könne; dass es Gott nicht gelungen sei, alles Böse auszulöschen, das er auslöschen wollte. Als Reaktion darauf wurde darauf hingewiesen, dass es nicht Gottes Wille sei, alle Menschen zu zwingen, ein- und demselben Weg zu folgen. Wenn es so gewesen wäre, hätte der Mensch nicht von dem Weg abweichen können, den Gott für ihn vorgesehen hat. […] Schließlich wird deutlich gemacht dass unabhängig von der Vielzahl der Glaubenslehren, Sichtweisen und Arten der Lebensführungen, die sich in dieser Welt finden, die Wahrheit, die der Ordnung des Universums zugrunde liegt, diejenige ist, die in diesem Vers dargestellt wird [„Der rechte Weg ist klar geworden gegenüber dem Irrweg. Wer nicht an die Götzen glaubt, sondern an Gott, der hat den stärksten Halt ergriffen, der nicht reißt. Gott ist hörend, wissend.“]; sie wird von den Fehlannahmen der Menschen nicht berührt. Andererseits jedoch hat Gott nicht das Ziel, die Menschen zu zwingen, sie anzunehmen. Wer immer sie annimmt, wird finden, dass es zu seinem eigenen Nutzen ist; wer sie ablehnt, wird finden, dass das Ergebnis zu seinem Schaden ist.

„Religion“ [dīn] bedeutet hier den Glauben an Gott, wie er in dem vorangehenden Thronvers [Q 2:255] dargestellt ist, und die gesamte Ordnung des Lebens, die darauf ruht. Der Vers besagt, dass das System des Islams, das Glaube, Moral und Handeln beinhaltet, nicht durch Zwang auferlegt werden kann. Dies sind keine Angelegenheiten, die man Menschen mit Gewalt auferlegen kann.

Kein Zwang in der Religion: Ibn Kathir

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 12. Juli 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: „In der Religion gibt es keinen Zwang“ zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.

Ibn Kathir (ca. 1300-1373), hanbalitischer Rechtsgelehrter aus Damaskus und Schüler von Ibn Taimiyya. Vertreter der Sunnifizierung des Islams; Verfasser eines Korankommentars, der den Koran vor allem auf der Grundlage von Hadithen auslegen wollte. Sein Kommentar reduziert die Vielzahl von Interpretationen, die sich zu den meisten exegetischen Problemen finden, und empfiehlt, oft aus dogmatischen Erwägungen heraus, häufig eine einzige richtige Auslegung. Er ist daher – auch weil er, finanziert aus saudischen Geldern, sehr früh in einer modernen Fassung gedruckt erschien – der heute wohl verbreitetste sunnitische Korankommentar. 

Gott spricht: „In der Religion gibt es keinen Zwang“, das heißt: Zwingt niemanden, der Religion des Islams beizutreten, denn diese ist klar und deutlich [als richtig erkennbar], und die Beweise für sie sind über jeden Zweifel erhaben. Daher ist es nicht nötig, jemanden zum Beitritt zu ihr zu zwingen, sondern wen Gott zum Islam leitet, wem er das Herz und die Augen öffnet, der tritt ihm erwiesenermaßen bei. Wessen Herz Gott aber blind macht und wessen Gehör und Blick er versiegelt, dem wird ein gewaltsam erzwungener Übertritt nichts nützen.

Nach Ansicht früherer Exegeten betrifft der Offenbarungsanlass dieses Verses eine Gruppe von den anṣār, doch die in ihm enthaltene Regelung ist allgemein gültig. Al-Ṭabarī gibt eine Überlieferung des Ibn Bishār [isnād] über Ibn ʿAbbās wider, die erzählt, wenn eine Frau [in Medina] keinen überlebenden Sohn gehabt habe, habe sie ein Gelübde abgelegt, dass sie, falls sie einen Sohn haben werde, der überlebe, diesen zum Judentum übertreten lassen werde. Als nun die Banū al-Naḍīr vertrieben wurden, waren unter ihnen [solche] Söhne der anṣār. Sie [die anṣār] sagten: Wir geben unsere Söhne nicht her! Daraufhin offenbarte Gott diesen Vers; dieser Anlass ist auch noch über zahllose andere [näher benannte] Überlieferer belegt.

Muḥammad Ibn Isḥāq überliefert [isnād] über Ibn ʿAbbās, der Vers sei geoffenbart worden bezüglich eines Mannes von den anṣār, aus dem Clan der Banū Sālim vom Stamm der ʿAwf, namens al-Ḥuṣaynī, der zwei christliche Söhne hatte, aber selber Muslim war. Er fragte den Propheten: „Soll ich sie nicht zwingen? Sie haben sich beide geweigert, das Christentum aufzugeben.“ Daraufhin offenbarte Gott diesen Vers; das berichtet al-Ṭabarī. Al-Suddī überliefert die gleiche Geschichte. Er fügte hinzu, dass die beiden durch Händler, die mit einer Lieferung Öl aus Syrien kamen, zum Christentum bekehrt worden seien. Als sie sich entschlosen hätten, mit ihnen zu gehen, habe ihr Vater sie [zum Islam] zwingen wollen und habe den Propheten aufgefordert, nach ihnen suchen zu lassen, woraufhin der Vers geoffenbart worden sei.

Ibn Abī Ḥātim überliefert [isnād] über Asbaq, dieser habe erzählt: „Ich hielt mich unter den Anhängern ihrer Religion als Sklave ʿUmar b. al-Khaṭṭābs auf, und er zeigte mir den Islam. Ich lehnte ab, und er sagte: ‚Es gibt keinen Zwang in der Religion. Asbaq, wenn du zum Islam überträtest, würden wir dich in einigen Angelegenheiten der Muslime zur Hilfe nehmen.'“
Eine große Gruppe von Gelehrten meint, dass dies für die die Schriftbesitzer gültig sei und für alle, die ihrer Religion beitraten, bevor sie durch den Islam ersetzt wurde, solange sie die jizya bezahlen. Andere sagen, dieser Vers sei abrogiert worden durch den Kampfesvers [āyat al-qitāl, Q 9:29], und es sei Pflicht, alle Völker zum Eintritt in die wahre Religion aufzurufen. Wenn einer von ihnen den Beitritt verweigere und nicht entweder Tribut an sie entrichte oder die jizya zahle, müsse er bekämpft werden bis zum Tod; dies ist die Bedeutung des Wortes „Zwang“.

Gott spricht: „Ihr werdet gegen ein Volk von gewaltiger Macht gerufen werden, gegen die ihr kämpfen müsst, wenn sie sich nicht ergeben“ (Q 48:16) und „Oh Prophet! Bekämpfe die Ungläubigen und die Heuchler und setze ihnen hart zu“ [Q 9:73] und „Oh ihr, die ihr glaubt! Bekämpfet die von den Ungläubigen, die euch nahestehen. Sie sollen bei euch Unnachgiebigkeit finden. Wisst, dass Gott mit den Gottesfürchtigen ist“ [Q 9:123]. Und ein authentischer Hadith besagt: „Dein Herr wundert sich über Leute, die in Ketten ins Paradies geführt werden.“ Damit sind die Gefangenen gemeint, die er den islamischen Ländern zuführt in Verträgen, Eisen, Ketten und Fesseln, und die sich danach zum Islam bekehren, gut handeln und eine reine Gesinnung haben; sie gehören zu den Paradiesbewohnern. Andererseits gibt es einen Hadith, der von Aḥmad b. Ḥanbal über [isnād] Anas b. Mālik überliefert wurde, dass der Prophet zu einem Mann gesagt habe: „Nimm den Islam an!“ Dieser antwortete: „Das widerstrebt mir.“ Darauf sagte der Prophet: „Auch wenn es dir widerstrebt!“ Dies ist ein mehrfach belegter authentischer Hadith, aber er ist hier nicht einschlägig, denn der Prophet zwang ihn nicht zum Islam, sondern lud ihn zu ihm ein. Der Mann teilte dem Propheten mit, dass seine Seele dem Islam gegenüber nicht offen, sondern von Abneigung erfüllt sei, woraufhin der Prophet erwiderte, er solle trotz seines Widerwillens den Islam annehmen, dann werde ihm Gott die gute Absicht und aufrichtige Ergebenheit verleihen.

Ibn Kathir gibt hier die Positionen zu Frage der Abrogation des Verses ziemlich verkürzt und unklar wieder und lässt das wichtige Detail fort, dass diejenigen, die für eine Abrogation plädieren, damit vor allem auf die Polytheisten verweisen, die, anders als die Schriftbesitzer, nicht durch Zahlung einer Kopfsteuer von der Pflicht zum Übertritt verschont bleiben und bekämpft werden müssen, bis sie sterben oder dem Islam beitreten – so jedenfalls die damals vorherrschende Interpretation. Man gewinnt den Eindruck, dass es dem Exegeten hier vor allem um das Anführen von koranischen Belegen und Hadithen sowie das Auflösen potenzieller Widersprüche geht und dass ihn die Frage der Abrogation nicht besonders interessiert. Andere Exegeten wie Tabari, Tusi und Tabrisi erörtern sie viel klarer und logischer.

Tiere raten

Ein Beitrag zum Themengebiet Allgemein, geschrieben am 9. Juli 2011 von Johanna

Ladis: „Ist es ein Fisch?“

Luzie (5): „Ja.“

Ladis: „Frisst er andere Tiere?“

Luzie: „Nein.“

Ladis: „Frisst er Pflanzen?“

Luzie: „Nein.“

Ladis: „Was frisst er dann?“

Luzie: „So Fischtabletten fürs Aquarium!“