Archiv für Juni 2008

Chicago

Ein Beitrag zum Themengebiet Bücher, geschrieben am 28. Juni 2008 von Johanna

Nach einem Weltbestseller-Erstling einen Folgeroman zu schreiben ist immer eine Herausforderung. So auch für Alaa al-Aswani, den Autor des ägyptischen Erfolgsbuchs „Der Yakubiyan-Bau“, das mir gut gefallen hatte. „Chicago“ hat mich weniger überzeugt.

Das Konzept des ersten Romans hat al-Aswani 1:1 übernommen, nämlich die ineinander verwobenen Geschichten zahlreicher nur lose miteinander verbundenen Figuren zu erzählen und dadurch ein Panorama zu zeichnen; der Leser muss seine Aufmerksamkeit immer wieder auf neue Erzählstränge lenken, wobei wiederholt eingesetzte Cliffhanger-Effekte dafür sorgen, dass die Versuchung, vorzublättern, recht hoch ist – man will halt doch immer wissen, wie es mit der Figur weitergeht, bei der man sich gerade befindet. Beim Yakubiyan-Bau fand ich dieses Konzept trotzdem  sehr gelungen; bei „Chicago“ wirkte es auf mich eher ermüdend und abgenutzt .

Das Buch spielt in Chicago und dreht sich um eine Reihe von Ägyptern und mit ihnen in Verbindung stehenden Amerikanern, die am Institut für Histologie der Universität arbeiten oder promovieren. Einige Erzählstränge sind fesselnd, glaubwürdig und authentisch, und das sind vor allem die, die mehr mit Ägypten als mit Amerika zu tun haben; andere wirken klischeehaft, geradezu naiv, etwa wenn es um die crackabhängige Tochter eines Professors geht oder um eine junge Schwarze, die wegen ihrer Hautfarbe keine Arbeit findet, obwohl sie alles versucht (wirkt gerade so, als ob in Amerika 0% der Schwarzen einen Job haben), und schließlich anzügliche Unterwäschewerbung machen muss. Die Schilderungen der amerikanischen Unternehmens- und Agenturszene sind einfach absurd.

Ziemlich ermüdend fand ich bei diesem Buch auch den (für arabische Romane nicht ganz untypischen) Hang zur Tragödie. Auf den letzten paar Seiten gibt es nicht weniger als einen Tod durch Überdosis, einen Selbstmord und eine Abtreibung, außerdem eine Scheidung sowie eine Verhaftung und Folterung durch den amerikanischen Geheimdienst wegen Terrorismusverdachts. Die etwas matte Andeutung eines Mehr-oder-weniger-Happy-Ends in dem zentralen Erzählstrang kann das nicht wirklich wettmachen. Es ist einfach etwas arg dick aufgetragen, da kann man sich irgendwann auch nicht mehr dazu durchringen, mit all diesen an der bösen Welt Gescheiterten noch Mitleid zu haben. Zumal gerade die doch recht drastischen Entwicklungen am Schluss des Buches hastig dahinerzählt sind und den Leser etwas ratlos zurücklassen.

Die Übersetzung ins Deutsche hat das Lesevergnügen noch zusätzlich getrübt. Meist ist sie einfach zu wörtlich; im Deutschen lächelt man z.B. nicht „naiv“, sondern „dümmlich“ usw. Bei den Dialogen fällt das besonders unangenehm auf. Wenn Ägypter reden, mag der etwas arg orientalische Sprachduktus ja noch angehen, aber in dem Buch reden nun mal auch amerikanische Charaktere, und denen hätte man nun wirklich eine andere Sprechweise verpassen müssen. Mit Charakteren mitzufühlen, die sich so lebensfern ausdrücken wie in dieser Übersetzung, ist nahezu unmöglich.

So ist „Chicago“ zwar nett zu lesen, durchaus spannend und mit einigen guten und authentischen Szenen, aber alles in allem doch eher enttäuschend und in der deutschen Übersetzung oft richtiggehend ärgerlich.