Archiv für Februar 2008

Kleiner Exkurs in den Libanon

Ein Beitrag zum Themengebiet Gesellschaft, Islam, geschrieben am 15. Februar 2008 von Johanna

Wenn ich in der Rede des Hisbollah-Führers Nasrallah zum Tod von Imad Mughniyya Folgendes lese:

„At first I would like to convey to his dear and honourable parents, Abu-Imad and Umm-Imad, our congratulations and condolences and say to them: Blessed by this heavenly selection of your family. God bless your patience, steadfastness, and sacrifice. Let the whole world know that this jihadist family has sacrificed all its sons as martyrs. A family may offer two or three martyrs when it has six or seven young men, but Al-Hajj Abu-Imad sacrificed all he had – Jihad, Fu’ad, and Imad. They marched towards martyrdom one after another.“ (Übersetzung: Mideastwire.com)

… und dies verbunden mit Glückwünschen! –
und wenn ich dann in Hannah Allams lesenswertem Nahost-Blog in dem Bericht über Mughniyyas Beerdigung folgende Episode finde:

„As the crowds cleared out of the hall, we approached two women talking quietly in a corner. We asked them what Mughniyeh had meant to Hezbollah.
„Everything,“ said Umm Samer, 40, the mother of five boys and two girls.
„His death has only strengthened our determination,“ said her friend, Umm Ahmed, who is 45 and already a grandmother. „In every house, there is an Emad. He’s gone and more will come. I have two in my own home.“
„I breastfed Hezbollah to my seven children,“ Umm Samer said with a small laugh. „They have drunk the milk of the resistance and any one of them is ready to sacrifice for Hezbollah.“

… dann muss ich zugeben, dass bei mir das Verstehen aussetzt. Ich weiß natürlich, dass diese Art von Märtyrerideal zwar in der Schia besondere religiöse Wurzeln hat, aber keineswegs nahostspezifisch ist (man erinnere sich nur daran, wie hierzulande die jungen Männer voller Enthusiasmus in den Ersten Weltkrieg gestürzt sind oder später „für Führer, Volk und Vaterland“ geboren & verheizt werden sollten), aber wie man es als erstrebenswert ansehen kann, Kinder in die Welt zu setzen und großzuziehen, nur damit die dann im Dienste irgendeiner Sache in tausend Stücke zerfetzt werden – nein, um das zu verstehen, fehlt mir entweder der Fanatismus oder diese Idee von Ehre und Männlichkeit.

Davon abgesehen finde ich es ziemlich interessant, wie Nasrallah in seiner Rede fast ausschließlich auf nationalistische und natürlich massiv antiisraelische Motive setzt. Der Islam kommt nur am Anfang und Ende ein bisschen vor, wie man das halt bei Beerdigungen so macht; die Schia hauptsächlich in einem Verweis darauf, dass ihre Propheten, Imame und Führer Märtyrer gewesen seien, weswegen sei das Märytertum nicht schocken könne. Naja, und die sunnitisch-schiitischen Spannungen im Libanon scheinen ziemlich deutlich auf gegen Ende der Rede, wobei Nasrallah die Schuld daran ausschließlich den Sunniten in die Schuhe schiebt und demonstrativ immer wieder den  großen Märtyrer Rafiq Hariri verherrlicht.

Ich bin alles andere als eine Libanon-Expertin, aber dass die aktuellen Entwicklungen in diesem Land eher ungut sind, das kann man wohl auch nach oberflächlicher Betrachtung guten Gewissens feststellen.