Archiv für Juni 2007

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Ein Beitrag zum Themengebiet Gesellschaft, Islam, geschrieben am 11. Juni 2007 von Johanna

„I recently saw a bumper sticker that proclaimed, ‚Islam is the answer.‘ If Islam is the answer, pray tell, what is the question? Modernity? Existence? God?“

(Omid Safi)

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Handabhacken auf dem Gendarmenmarkt?

Ein Beitrag zum Themengebiet Gesellschaft, Islam, geschrieben am 1. Juni 2007 von Johanna

Alice Schwarzer darf sich in der aktuellen ZEIT über ein ganzseitiges Interview im Politikteil freuen, in dem sie ihr neues Buch promotet. Dort gibt sie u.a. zum besten, dass Angela Merkel eine ganz tolle Figur macht, einen großartigen Politikstil hat und ihre Rolle als weiblicher Regierungschef ungemein geschickt wahrnimmt. Das ist alles ganz nett, aber… ging es in der Politik nicht um Sachfragen?

Doch, um Sachfragen geht es natürlich auch. „Frauen tun […] gut daran, zu begreifen, dass sie keine parteipolitische Heimat haben. Sie müssen die Parteien von Fall zu Fall cool daraufhin abklopfen, was sie für Frauen tun.“

Das ist schön zu lesen. Damit habe ich es endlich einmal leichter als die Männer. Die müssen ständig die Parteien darauf abklopfen, was sie für die Umwelt, die Wirtschaft, die Bildung, die Renten und wasweißichnicht alles tun, und dann wird alles so schrecklich kompliziert. Ich aber bin eine Frau. Die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen, die Zukunftschancen meiner Kinder oder meine finanzielle Sicherheit im Alter fallen nicht in mein Ressort.

Zufällig in mein Ressort fällt hingegen der Islam, und der ist, so Schwarzer, wenigstens in seiner politisierten Version soeben im Begriff, den Rechtsstaat zu unterwandern. Empört stellt sie fest: „Der Vortrag eines deutschen Juraprofessors wird von der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen mit den Worten angekündigt, es solle gezeigt werden, ‚wie sich eine europäische Scharia konkret entwickelt (sic) und weiterentwickeln kann'“. Himmel hilf! Ein deutscher Juraprofessor fordert Steinigungen, Aufpeitschungen und Amputationen, am besten öffentlich auf den zentralen Plätzen deutscher Großstädte! Oder besser gleich im Olympiastadium, damit mehr Leute zugucken können?

Das ist natürlich völliger Quatsch. Der böse deutsche Juraprofessor, den Schwarzer hier nennt, ist vermutlich Mathias Rohe, ein profilierter Kenner der Materie. Er setzt sich damit auseinander, wie man das islamische Religionsgesetz an die Bedürfnisse von Muslimen anpassen kann, die dauerhaft in einer nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft leben und in einem Staat, der eben nicht islamisches Recht anwendet. Manche der hier oder in anderen westlichen Staaten lebenden Muslime möchten ihrem Religionsgesetz treu bleiben, ohne deswegen in einen Konflikt mit der Mehrheitsgesellschaft zu geraten.
Das klassische islamische Recht sieht diese Situation nicht vor. Daher gibt es unter Muslimen seit Mitte der 90er Jahre aus verschiedenen Richtungen (von konservativ bis liberal) Rufe nach einer Anpassung des Rechts. Es geht da überhaupt nicht um islamische Strafen, die ja auch in den meisten muslimischen Mehrheitsgesellschaften heutzutage keinerlei rechtliche Verankerung haben. Es geht eher um alltagspraktische Dinge vom Zinsverbot bis zu Speisevorschriften; der Umgang mit Nichtmuslimen spielt auch eine große Rolle.

Was mich interessieren würde, ist die Frage, wieviele der europäischen Muslime sich mit diesem Projekt einer europäischen Scharia wirklich identifizieren. Mal abgesehen von der großen Masse derer, die ohnehin nicht gesetzestreu leben oder denen die konkrete Ausgestaltung des Religionsgesetzes ziemlich egal ist, scheint es mir da sowohl nach Herkunfts- als auch nach Zielland große Unterschiede zu geben. Meinem Eindruck nach sind es in erster Linie arabischstämmige Muslime (in Deutschland also die Minderheit), die eine Anpassung der Scharia anstreben, aber vielleicht irre ich mich da. Das wäre mal eine Untersuchung wert. Der Ausdruck „europäische Scharia“ scheint mir jedenfalls ziemlich irreführend. Dafür sind die Anliegen der in Deutschland lebenden Muslime einfach zu unterschiedlich von z.B. denen der französischen.

Alice Schwarzer jedenfalls liebt nicht nur Angela Merkel, sondern kann auch Benedikt XVI. etwas abgewinnen. Nämlich seine Regensburger Rede. Wie schön.