Archiv für April 2007

Ägypten mal wieder

Ein Beitrag zum Themengebiet Ägypten, Wissenschaft, geschrieben am 27. April 2007 von Johanna

Hier gibt es eine gute und zutreffende Analyse des Referendums über die Verfassungsänderungen in Ägypten (PDF-Download). Diese „moderate“ Regierung hat sich mal wieder selbst übertroffen.

„Der Islam“, die Abtrünnigen und die Christliche Rechte

Ein Beitrag zum Themengebiet Gesellschaft, Islam, Wissenschaft, geschrieben am 21. April 2007 von Johanna

Der Tagesspiegel hat mich hier zitiert – eine sehr, sehr verkürzte Zusammenfassung eines Telefoninterviews, das ich dem Autor gegeben habe.

Die Christliche Rechte, die es hierzulande tatsächlich auch gibt, hat mich hier vernichtend kommentiert. Ich bin am Boden zerstört angesichts der Tatsache, dass ich in dem Kommentar von der Wissenschaftlerin zur „Wissenschaftlerin“ degradiert worden bin. :-(

Kann oder soll man auf so etwas antworten? Sinn hat es wohl keinen. Die Kritik baut auf einem simplen Freund-Feind-Schema auf. Wer, wie ich, den Islam nicht abgrundtief hasst, fürchtet und verteufelt, der will ihn eben rechtfertigen, schönreden usw. Ich bin also der Feind. Was vermutlich der Grund dafür ist, warum ich trotz der offensichtlichen Sinnlosigkeit des Unterfangens etwas dazu schreibe, denn ich bin ungern irgendjemandes Feind, wenn ich es vermeiden kann. Nun ja, manchmal lässt es sich halt nicht vermeiden.

Leider würde sich wohl keiner derjenigen, die auf den Islamophobietrend (siehe Henryk M. Broder, Ayaan Hirsi Ali usw.) abfahren, die Mühe machen, eine islamwissenschaftliche Dissertation zu lesen. Wer mein Buch trotzdem gelesen hätte, wüsste, dass nichts mir ferner liegt als die Situation der Religionsfreiheit in der islamischen Welt, die im großen und ganzen verheerend ist, schönzureden. Natürlich gibt es riesige Unterschiede zwischen einzelnen Ländern, aber der Abfall vom Islam zieht überall zum allermindesten gravierende soziale Konsequenzen nach sich; in manchen Fällen ist er lebensbedrohlich, sei es, weil Apostasie nach dem staatlichen Gesetz als Straftat gilt (was nur in wenigen Ländern der islamischen Welt der Fall ist, aber dort natürlich eine Menschenrechtsverletzung der schlimmsten Art darstellt); sei es, weil einzelne Muslime ein vermeintliches Recht auf Selbstjustiz in Anspruch nehmen.

Diese Situation ist mir also – wer hätte es gedacht – bekannt. Als Wissenschaftlerin ohne Anführungszeichen ist mir allerdings daran gelegen, „den Islam“ so wahrzunehmen, wie er sich derzeit darstellt, und das schließt eben unterschiedlichste theologische Positionen ein. Dass die nicht gleichgewichtig nebeneinanderstehen, ist völlig klar. Die muslimischen Liberalen haben derzeit leider einen sehr schweren Stand, vor allem in der arabischen Welt. Ganz einflusslos sind modernistische Positionen trotzdem nicht; sie sind z.B. gut vertreten in Indonesien oder an der theologischen Fakultät von Ankara (es gab neulich in der ZEIT einen interessanten Beitrag über Ömer Özsoy; sehr lesenswert), und selbst in der arabischen Welt verkauft sich Muhammad Shahrur’s Buch „Al-Kitab wa-l-Qur’an“ bestens, allerdings nur in der kleinen Schicht derjenigen, die solche Bücher überhaupt kaufen. Mehrheitspositionen sind das alles nicht; nirgendwo. Ich vermute, dass den Islamophobikern auch gar nicht daran gelegen sein wird, dass sie mehrheitsfähig werden, denn wo bleibt dann das Feindbild? Da beruft man sich doch lieber auf die Extremisten und kehrt selbst die (wenig sympathische) orthodoxe Position unter den Tisch, die zwar die Tötung von Apostaten gutheißt, aber Selbstjustiz ablehnt (d.h. der Staat müsste die Apostaten töten, was die meisten islamischen Staaten, oh Wunder, nicht tun). Auch in dieser Frage gibt es einen Meinungspluralismus, der die geistigen Kapazitäten der meisten Islamgegner entschieden zu übersteigen scheint.

Eine andere Fähigkeit, auf die Islamophobiker wenig Wert legen, ist diejenige, mehr als fünf Wörter am Stück zu lesen. Der Koran besteht ja bekanntlich eh nur aus einzelnen unzusammenhängenden Slogans, die man je nach Belieben herausgreifen und dem Gegner ins Gesicht schleudern kann (genau wie die muslimischen Extremisten, die mit den Islamophobikern viele, viele Gemeinsamkeiten haben). Wer 4,89 zitiert, wird den Teufel tun und sich von dahergelaufenen „Wissenschaftlern“ über den Inhalt von 4,90 aufklären lassen! Die orthodoxen islamischen Theologen hingegen – also die Mehrheitsposition, die eine Tötung von Apostaten für durchaus geboten hält – kennen meistens den ganzen Koran, z.B. Vers 4,90, der von dem in 4,89 geäußerten Tötungsgebot alle diejenigen ausnimmt, die nicht aktiv gegen den Islam kämpfen. Das erkennen auch orthodoxe muslimische Theologen an, sonst würden sie sich nicht die Mühe machen, ihre Position, nämlich die Befürwortung der Todesstrafe auch für friedliche Apostaten, durch Hadithe zu begründen. Auf so etwas hinzuweisen ist möglicherweise verdächtig islamfreundlich, aber so sind sie eben, die Wissenschaftler. Alles wollen sie besser wissen, immer kommen sie mit ihren Haarspaltereien an.

Ich erspare mir Ausführungen zur Hadithkritik (Hadithe sind *Überlieferungen* über den Propheten und als solche natürlich offen für die Infragestellung ihrer Historizität; darin dürften sich Wissenschaftler und muslimische Theologen recht einig sein) und gehe lieber mit meinen Kindern spielen. Nur so viel: Selbst wenn man annimmt, dass Muhammad das blutrünstige Monster war, als das ihn die christliche Apologetik (in sorgfältiger Verkennung seines Hintergrunds und seiner historischen Situation) gern darstellt, sollte man doch zur Kenntnis nehmen, dass die Anwendbarkeit seiner Handlungen im einzelnen häufig umstritten ist und von vielen Muslimen angefochten wird – nicht weil sie diese Handlungen für schlecht hielten, sondern weil sie sie für situationsbedingt und nicht auf das 21. Jh. übertragbar halten.

So ist das mit Heiligen Schriften – man kann vieles aus ihnen herausholen. Die Bibel hat auch einmal dazu hergehalten, Hexenverbrennungen, Kriege und Sklaverei zu begründen, von der Unterdrückung der Frau (die der westlichen Kultur nicht völlig fremd war) ganz zu schweigen. Trotzdem würde ich nicht im Traum auf die Idee kommen, heute lebenden Christen das Recht abzusprechen, ihre Religion für die Religion der Liebe zu halten. Ich mache es mir auch nicht zum Hobby, die Bibel nach gewalttätigen Stellen zu durchwühlen, um ihre Ansicht zu widerlegen. Nur um mich abzusichern: ich weiß, dass der Koran sehr, sehr, sehr viel mehr solcher Stellen hat als das Neue Testament; beim AT wäre ich mir nicht so sicher. Ömer Özsoys Argumente zu diesem Themenkomplex fand ich interessant. Aber das vertiefe ich hier nicht. Wie auch immer: Heutige Christen holen anderes aus der Bibel als frühere, und das finde ich begrüßenswert. Wäre doch schön, wenn begrüßenswerte Positionen auch im Islam mehrheitsfähig würden.

Nun wird der Islamophobiker einwenden: Konvertiten vom Islam zum Christentum riskieren heutzutage nun einmal ihr Leben. Alles andere interessiert mich nicht.

Das ist sein gutes Recht. Nicht sein gutes Recht hingegen ist es, sich darüber zu mokieren, dass manche Leute Wissenschaft betreiben und nicht Polemik. Es ist nicht meine Aufgabe als Wissenschaftlerin, zu entscheiden, welche Auslegung des Korans und der übrigen Quellen des Islams richtig oder falsch ist, auch wenn ich eine persönliche Meinung dazu habe, welche Auslegungen ich für – um mich selbst zu zitieren – „begrüßenswert“ halte. Ich halte es für durchaus denkbar (nicht zwingend, aber denkbar), dass die Positionen, die heute in der Minderheit sind, einmal in der Mehrheit sein werden, wie es im Christentum (s.o.) auch der Fall war. Und deswegen halte ich es für nicht korrekt, Aussagen im Stil von „Der Islam will alle Abtrünnigen töten“ zu treffen, als ob es sich beim Islam um etwas handelt, dessen Inhalt sonnenklar ist, immer gleich war und immer gleich sein wird. Ganz genau so übrigens, wie es die Islamisten postulieren.

Diejenigen, die sich im Glanz ihrer politischen Unkorrektheit sonnen und über „den Islam“ herziehen, werden ja nicht müde zu betonen, dass sie die ewigen Differenzierungen zwischen Islam und Islamismus und die ewigen Verweise auf die Vielgestaltigkeit des Phänomens Islam leid seien. Was sie mit ihrem monolithischen „Islam“ aber genau meinen angesichts der Tatsache, dass nun einmal nicht alle Muslime dasselbe tun und glauben, sagen sie üblicherweise nicht dazu. Vielleicht hat ja Oriana Fallaci eine Definition zu bieten oder Henryk M. Broder. Es würde mich nicht besonders interessieren sie zu lesen.

Übrigens:

Ein Beitrag zum Themengebiet Gesellschaft, Islam, Wissenschaft, geschrieben am 19. April 2007 von Johanna

Samstag bin ich voraussichtlich im Tagesspiegel zitiert mit ein paar Zeilen zu islamischem Recht und Abfall vom Islam. Der Artikel befasst sich mit den Morden an christlichen Missionaren in der Türkei. Seit ich an einem richtigen Institut arbeite, wissen die ganzen Journalisten, wo ich zu finden bin. Das ist ja auch grundsätzlich kein Problem, solange sie nicht die arabischen Namen von obskuren Singvögeln wissen wollen, die ich noch nicht mal auf Deutsch kenne. Alles schon vorgekommen. (Naja, okay, der mit den Singvögeln war ein Schriftsteller, kein Journalist.)