Den neuen Roman von Christoph Peters würde ich nicht ganz in den Rängen der großen Weltliteratur ansiedeln, aber ich halte ihn allemal für äußerst lesenswert. Sein Thema ist der gewalttätige politische Islamismus im Ägypten der frühen 90er Jahre, personifiziert in der Person eines fiktiven Deutschen, Jochen “Abdallah” Sawatzky, der sich zum Islam bekehrt hat und an einem vereitelten Anschlag beteiligt war, in dessen Zuge er Menschen getötet hat. So weit, so ungewöhnlich.
Der Roman fragt nun weder danach, was unser Schulsystem falsch gemacht hat (oder waren es das Fernsehen oder die Killerspiele?), noch dringt er allzu tief in die Lebensgeschichte Sawatzkys ein. Nein, die Frage, die er stellt, ist viel mutiger: Was kann uns die Konfrontation mit dem Täter über unser eigenes Leben, seinen Sinn oder Unsinn, und die Werte unserer Gesellschaft sagen? (Dass die Antwort nicht ganz platt lautet “wir müssen für ein höheres Ziel Unschuldige umbringen”, versteht sich.)
Der ebenfalls fiktive deutsche Botschafter Claus Cismar, die eigentliche Hauptfigur des Romans, sieht sich in der Auseinandersetzung mit Sawatzky, dessen Auslieferung nach Deutschland er erreichen will, auf diese Frage gestoßen, und letztlich scheitert er an ihr - zu unerträglich erscheinen ihm die Antworten und zu weit reichend die Schritte, die sie erfordern würden. Die 68er Ideale seiner Jugend hat er aufgegeben für eine Diplomatenkarriere, die ihm spannender erschien als ein bürgerliches Rechtsanwaltsdasein, ohne dass sie ihn in Konflikt mit seinem Vater und den Erwartungen der Gesellschaft gebracht hätte. Der früher einmal geplante Marsch durch die Institutionen hat den Institutionen nichts anhaben können - aber ihm selbst? Er führt ein “Leben ohne Mitte”, seine Tage vergehen durch Arbeit, Zerstreuungen und eine oberflächliche, kinderlose Ehe, doch mit der Frage, wer er ist und woran er glaubt, hat er sich seit Jahrzehnten nicht mehr auseinandergesetzt. Umso verstörender für ihn ist die Begegnung mit einer Person, die bereit ist, für den Glauben alles zu geben. Die lieber mit 30 im Dienste Gottes sterben möchte als 90 Jahre lang ein sinnentleertes Leben zu führen. Cismar versucht, sich in den deutschen Islamisten hineinzuversetzen; er beginnt, sein Leben zu reflektieren, und kleine Ausbrüche zu wagen; doch zu großen Schritten ist er nicht bereit, und die innere Zerrissenheit ist auf Dauer nicht zu ertragen. Letztlich scheitert er und tritt die Flucht an: die Flucht vor sich selbst, vor der Frau, die er lieben könnte, und vor den quälenden Fragen nach dem Sinn.
Die Schilderung Ägyptens im Jahr 1993, des politischen und gesellschaftlichen Klimas und der Stadt Kairo ist beeindruckend und gelungen. Der Versuch, sich in die Gedanken eines deutschen islamistischen Terroristen hineinzuversetzen, ist ausgesprochen mutig und scheint mir überzeugend geraten zu sein, mitsamt den inneren Brüchen, gegen die Sawatzky beharrlich kämpft, da er fürchtet, dass sie ihn von Gott ablenken. Die billige und bequeme Erklärung der religiösen Paranoia, in die sich Cismar gegen Ende flüchtet, erklärt eigentlich gar nichts.
Was das Arabisch bzw. die Übersetzungen angeht, erspare ich mir das Herummäkeln an Kleinigkeiten, möchte aber doch anmerken, dass “Gott ist größer” eine schlechte, wenn auch sprachlich zulässige, Wiedergabe von “Allahu akbar” ist - die Form akbar ist hier ein Elativ in der Bedeutung “sehr groß”.