Archiv für Juni 2006

Hier spricht Guantánamo

Ein Beitrag zum Themengebiet Bücher, geschrieben am 5. Juni 2006 von Johanna

Das Guantánamo-Buch von Roger Willemsen enthält fünf lange Interviews mit Ex-Häftlingen des berüchtigen US-Lagers, die aufschlussreich und erschreckend sind. Guantánamo ist ein Skandal und gehört geschlossen. Das Buch ist jedem zu empfehlen, der Näheres über den wahllosen und paranoiden Krieg der Amerikaner gegen den Terror (nahtlos weitergeführt in Abu Ghuraib) wissen möchte.

Etwas störend ist das arg selbstgerechte Vorwort. Willemsen erweckt glatt den Eindruck, der einzige Deutsche zu sein, der es wagt, die Amerikaner zu kritisieren; er ist nun wahrhaftig nicht der Erste, dem z.B. auffällt, das Präsident Bush ein deutlich utilitaristisches Verhältnis zur Wahrheit hat.

In den Interviews hätte man manches genauer wissen wollen, insbesondere über den Hintergrund der Ex-Gefangenen, ihre Beziehungen zum Islamismus und z.T. die Umstände, die sie nach Afghanistan geführt haben. Auch wenn ich nicht unterstellen möchte, dass sich hier Informationen hätten finden lassen, die ihre Internierung gerechtfertigt hätten (die Amerikaner haben sie ja offensichtlich ohne Anklage freigelassen, haben also nichts Inkriminierendes auftreiben können), bleibt doch manches im Unklaren. Einige Fragen über das Verhalten der Amerikaner und die Auswirkungen auf die Häftlinge sind aus journalistischer Sicht viel zu suggestiv gestellt; interessant ist die souveräne Weise, in der die Interviewten auf solche Fragen antworten (was übrigens ehrlicherweise auch im Vorwort thematisiert wird).
„Hat die Haft bei Ihnen psychische Schäden hinterlassen?“
„Nö.“

Insgesamt wirklich lesenswert.

Kinderfeindliches Hochschulrahmengesetz

Ein Beitrag zum Themengebiet Gesellschaft, geschrieben am 5. Juni 2006 von Johanna

Das Hochschulrahmengesetz, das für Nachwuchswissenschaftler die Zeit zwischen Studienende und Erlangung einer Professur auf zwölf Jahre begrenzt, ist extrem familienfeindlich. Mutterschutz oder Erziehungszeiten werden nur angerechnet, wenn sie offiziell im Rahmen eines wissenschaftlichen Beschäftigungsverhältnisses genommen werden; und alle Teilzeitstellen mit mehr als 25% werden sowieso wie eine volle Stelle gerechnet. Das heißt, dass, wer (wie die Autorin dieser Zeilen) wegen seiner Kinder nicht komplett aussetzt, sondern seine Arbeitszeit reduziert, eklatant gegenüber denjenigen benachteiligt wird, die entweder gar keine Kinder bekommen oder das Thema ihrer Frau überlassen. Wer Kinder betreut, schadet seiner akademischen Karriere ohnehin schon genug: seine Nase auf jedem Kongress blicken zu lassen wird schwierig, das Postdocjahr in den USA und der Forschungsaufenthalt in Timbuktu werfen gewisse Probleme auf, und Nächte im Labor kann man auch vergessen.

An der Universität Tübingen gibt es eine Initiative gegen die familienfeindlichen Regelungen des Hochschulrahmengesetzes. Sie freut sich über Unterschriften:

Initiative Familienfreundliches HRG