Archiv für März 2006

Der Bannstrahl des Haram

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, geschrieben am 29. März 2006 von Johanna

Zunächst sei bemerkt, dass das Stück „Qu’ran“ auf dem Album „My Life in the Bush of Ghosts“ von Brian Eno und David Byrne unter einer völlig sinnfreien Apostrophsetzung leidet („Qur’an“ wäre korrekt). Das Stück unterlegt die Aufnahmen algerischer Korenrezitatoren mit Musik, und weil das bei vielen Muslimen Anstoß erregt, soll eine Neuauflage der CD ohne den Titel auskommen.

Von weitgehender Unkenntnis des Islam gekennzeichnet ist der Kommentar der Süddeutschen zu diesem Vorgang.

Nach den meisten Auslegungen ist die Verwendung von Instrumenten und weiblichen Stimmen „Haram“, was einem Sakrileg gleichkommt. Westliche Islamwissenschaftler und moslemische Reformer bezweifeln die Strenge des Verbots zwar genauso wie das Verbot der Abbildungen, doch nur ein hochrangiger Geistlicher kann den Bannstrahl des „Haram“ aufheben. Eine Autorität, die ein solches Kulturverbot weltweit annullieren könnte, hibt es aber wegen der zunehmenden Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten nicht.

Stimmt, und das seit bald eineinhalb Jahrtausenden. Die „zunehmende Spaltung“ zwischen Sunniten und Schiiten ist nämlich ein seit dem siebten nachchristlichen Jahrhundert zu beobachtendes Phänomen. Und spätestens seit es kein gemeinsames Kalifat mehr gibt (661: Tod des Kalifen Ali), gibt es auch keine gemeinsamen religiösen Autoritäten mehr. Weltweite schon gar nicht.

Genausowenig gibt es übrigens einen weltweit und autoritativ geltenden „Bannstrahl des Haram“. Wer sollte ihn auch verhängen? Ob jetzt 10 oder 20 oder 50 oder 80% der Muslime Musik ablehnen, und ob sie dies generell oder nur im Zusammenhang mit Koranrezitationen tun, ist aber wohl kaum entscheidend dafür, ob eine Neuauflage des Titels mit dem fehlplatzierten Apostroph zu Ärger führen wird. Die Medienaufmerksamkeit, die durch die Streichung des Stücks von dem Album ausgelöst wurde, ist jedenfalls dazu geeignet, genau die Sorte von Problemen auszulösen, die eigentlich vermieden werden sollte.

Noch ein kleiner Hinweis an den SZ-Autoren: Der erwähnte „Islamic Council of Britain“, der an dem Titel Anstoß genommen hatte, heißt in Wirklichkeit „Muslim Council of Britain“. Nicht alle wissen es, aber es gibt einen Bedeutungsunterschied zwischen „muslimisch“ und „islamisch“, den die deutsche Sprache weder für das Christentum noch für andere Religionen vorsieht.

Schlechte Übersetzungen…

Ein Beitrag zum Themengebiet Bücher, geschrieben am 19. März 2006 von Johanna

… sind immer ärgerlich, aber ganz besonders dann, wenn sie ein eigentlich sehr gutes Buch betreffen. Ich habe gerade (beim Stillen und Baby-im-Arm-halten) Nadine Gordimers „Entzauberung“ („The Lying Days“), erschienen als Fischer-Taschenbuch, gelesen und war von dem Roman gefesselt, aber von der lieblosen – und übrigens auch unsauber gesetzten – deutschen Ausgabe enttäuscht. Dass die Übersetzung (wie auch das Original) aus den fünfziger Jahren stammt, erklärt manches, zum Beispiel die gewundenen Erläuterungen englischer Begriffe und „fremder“ Gebräuche, die heute weithin bekannt sind (z.B. Fish and Chips). Auch die manchmal unpassend wirkende Übertragung von „You“ mit „Sie“, z.B. im Gespräch unter befreundeten Studentinnen, dürfte hier ihren Ursprung finden. Schon in den fünfziger Jahren – umso mehr in einer Auflage von 2003 – hätte man aber Fremdwörter richtig schreiben können; „Cauffeur“ und „balanziert“ sind nur zwei der zahlreichen Fehler. Und vieles ist nicht nur schlecht übersetzt, sondern vor allem auch schlechtes Deutsch. „The latest in fashion“ ist nicht „Das Letzte in der Mode“. Es heißt nicht „zum Unterschied von“, sondern „im Unterschied zu“. Ein „carpark“ ist kein „Wagenpark“. Und so weiter.

Man liest oft Klagen, die Verlage investierten heutzutage nicht mehr in ein vernünftiges Lektorat, aber 1956 war das anscheinend auch nicht immer anders. Ich frage mich angesichts solcher Patzer, wieviele nicht auf den ersten Blick erkennbare Ungenauigkeiten oder Fehler die Übersetzung sonst noch erhalten mag, die möglicherweise die Schönheit und den Sinn der sehr ausdrucksstarken, präzisen und metaphernreichen Sprache Gordimers entstellen.

Ich möchte gern mehr von der Autorin lesen, werde es aber wohl beim nächsten Buch mit dem englischen Original versuchen.

Minimum

Ein Beitrag zum Themengebiet Bücher, Gesellschaft, geschrieben am 17. März 2006 von Johanna

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher befasst sich in seinem neuesten Wird-wohl-wieder-ein-Bestseller mit der Zukunft einer Gesellschaft, die nicht mehr ausreichend Kinder bekommt und in der die Institution Familie ausstirbt (Nb.: Der Autor hat interessanterweise selber nur ein Kind). Umfang und Schreibstil gestatten es, das Buch bequem an einem Nachmittag wegzulesen und sich dabei mit einer Vielzahl interessanter Untersuchungen und Statistiken zur Funktion und Evolution von Familien und Geschlechterrollen und zu aktuellen gesellschaftlichen und ökonomischen Trends auszustatten. Prima Konversationsstoff also. Wie bei vielen derartigen Büchern, die Myriaden von Fakten, Thesen und Theorien zusammentragen, hat der Leser allerdings bisweilen Mühe, den roten Faden auszumachen.
Hinsichtlich der Kernfrage, was der Mangel an Nachwuchs konkret für die Zukunft unserer Gesellschaft bedeutet, bleibt Schirrmacher zu schwammig und wenig prägnant. Wobei man es natürlich auch als Pluspunkt werten kann, dass er es vermeidet, reißerische Katastrophenszenarien zu präsentieren und wilde Zukunftsvisionen in die Welt zu setzen. Aber es ist wohl einfach so, dass Bücher, die mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben, beim Leser leicht ein unbefriedigendes Gefühl hinterlassen. Wie wird denn nun die Welt aussehen, in der meine Kinder einmal erwachsen sein werden? Werden sie von gleichaltrigen Einwanderern umgeben sein oder fast nur von alten Leuten? Werden sie gefragte Spitzenkräfte sein oder frustriert das Land verlassen? Ist die Entwicklung aufhaltbar?
Schirrmachers unbestreitbare Stärke ist es, Debatten aufzuwerfen. Und die Debatte, die er mit „Minimum“ anstößt, ist wichtig. Ob sie an der Situation in Deutschland etwas ändern wird, ist eine andere Frage. Ist das überhaupt relevant? Global gesehen könnte man durchaus die These aufstellen, dass es vollkommen egal ist, wenn die deutsche Gesellschaft sich so wenig fortpflanzungswillig zeigt, dass sie langfristig keine Zukunft hat – solange es noch genügend Kulturen gibt, die bislang eher das gegenteilige Problem haben.

„Minimum“ ist als Denkanstoß jedenfalls auch für Nicht-FAZ-Leser zu empfehlen. Und unterhaltsam ist es auch.

Wenig Überraschendes aus Ägypten

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, geschrieben am 14. März 2006 von Johanna

In Ägypten der Religionsbeleidigung geziehen zu werden ist wirklich nicht schwer. Wenn in einem Kurzfilm eine kopftuchtragende Frau einen abgedunkelten Reisebus nutzt, um Zärtlichkeiten mit ihrem Freund auszutauschen, dann stellt das nicht nur eine „Verleumdung des Islams“ (Kopftuchträgerinnen haben kein Bedürfnis nach Sex vor der Ehe), sondern auch eine „Verschwörung gegen die ägyptische Gesellschaft“ dar. Interessanterweise wäre der Film wohl nicht besonders angeeckt, wenn die Frau ihr Haar entblößt und einen Minirock getragen hätte, denn von „Ungläubigen“ ist unmoralisches Verhalten ohnehin zu erwarten.
Irgendwie scheint den Kritikern des Films entgangen zu sein, dass heutzutage in Ägypten das Tragen eines Kopftuchs kein Ausweis besonderer Religiosität ist, sondern in den meisten Fällen schlichter Konformismus – und somit sicher kein Garant für Keuschheit.
Es ist leider zu vermuten, dass dem Filmemacher Ahmad Khaled seine neugewonnene Bekanntheit nicht nur zum Vorteil gereicht. Sein Leben dürfte um einiges gefährlicher geworden sein.
http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5323508_REF1,00.html

Unsere Luzie…

Ein Beitrag zum Themengebiet Familie, geschrieben am 4. März 2006 von Johanna

… kam am 1.3.2006 zur Welt – gesund und munter. Wir sind sehr glücklich.