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Kein Zwang in der Religion: ʿAbd al-Raḥmān al-Saʿdī

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 18. Mai 2013 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt übersetze ich (in größeren Abständen) muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang”. Für diejenigen, die es interessiert, stelle ich meine Übersetzungen online.

ʿAbd al-Raḥmān al-Saʿdī (1889-1956) war ein saudischer Gelehrter, der im Laufe seines Lebens eine wachsende Unabhängigkeit von der hanbalitischen Staatsdoktrin entwickelte und seine Interessen auch auf unreligiöse Bereiche wie Dichtung ausdehnte. Sein Korankommentar zeichnet sich durch sehr unabhängige Erörterungen aus, die sich nicht eng an früheren exegetischen Diskursen orientieren, obwohl diese durchaus in seine Überlegungen einfließen.

Gott der Erhabene unterrichtet uns darüber, dass es keinen Zwang in der Religion gibt, weil es ohnehin nicht nötig ist, irgendjemanden zu ihr zu zwingen. Denn Zwang ist nur notwendig für Dinge, für die [d.h. für deren Wahrheit] die Zeichen verborgen und die Spuren unlesbar sind, oder für Dinge, die der Seele aufs Äußerste verhasst sind. Diese wahrhafte Religion und dieser gerade Weg jedoch, deren Zeichen sind jedermanns Verstand offenbar geworden und die Wege zu ihr sind deutlich. Alles an ihr ist offenbar geworden, und die Rechtleitung wurde vom Irrtum geschieden. Wem Glück beschieden ist, der wird, wenn er nur den flüchtigsten Blick auf sie wirft, sie vorziehen und sich für sie entscheiden. Wer jedoch schlechter Absicht und bösen Willens ist, von bösartiger Gemütsart, der sieht die Wahrheit und entscheidet sich statt für sie für den Trug; der sieht das Schöne und neigt stattdessen dem Hässlichen zu. So jemanden braucht Gott nicht zur Religion zu zwingen, denn das würde zu nichts führen und wäre nutzlos. Wer die Religion unter Zwang annimmt, dessen Glaube ist nicht echt.

Der Vers bedeutet nicht, dass man den Kampf gegen die kriegführenden Ungläubigen unterlassen soll. Vielmehr geht es in ihm darum, dass die Religion in Wahrheit von jedem zwangsläufig angenommen werden muss, dessen aufrichtige Absicht die Befolgung der Wahrheit ist. Was aber den Kampf und dessen Unterlassung angeht, so geht es in diesem Vers überhaupt nicht darum. Die Pflicht zum Kämpfen lässt sich vielmehr anderen Texten entnehmen. Jedoch deutet der Vers darauf hin, dass man die Jizya auch von anderen als den Schriftbesitzern nehmen kann, wie es auch viele Gelehrte meinen.

Al-Saʿdī scheint zunächst Ibn Kathīr (Übersetzung hier veröffentlicht) wiederzugeben, allerdings mit deutlich anderen Formulierungen: Während es bei Ibn Kathīr ganz eindeutig Gott ist, der den Menschen zum Glauben oder Unglauben zwingt, entscheidet bei al-Saʿdī gegen alle sunnitischen theologischen Konventionen der Mensch selber. Wie einige andere Exegeten vor ihm, etwa al-Zamakhsharī und al-Bayḍāwī, versteht al-Saʿdī den Vers als ontologische Aussage über den Weg zum Glauben, nicht als rechtsrelevantes Gebot; er ist in dieser Hinsicht aber deutlich entschiedener und expliziter als frühere Exegeten. Seine Aussage, der Vers sei in keiner Weise als Absage an den Jihad zu verstehen, scheint perfekt ins wahhabitische Dogma zu passen. Völlig überraschend und unkonventionell dann aber der letzte Satz: Die Jizya könne man auch von anderen als den Schriftbesitzern nehmen, d.h. mutmaßlich von allen Nichtmuslimen, die nicht gegen die Muslime Krieg führen – und diese dürften dann auch bei ihrem Glauben bleiben. Damit schließt er den Zirkel zum  frühen Korankommentar von Muqātil b. Sulaymān (Übersetzung hier veröffentlicht), der genau diese Auffassung vertrat, die dann aber wenig Resonanz fand, weil sie dem Konsens der allermeisten Rechtsgelehrten so klar widersprach. Al-Saʿdī präsentiert sich hier also als wahrhaft unabhängiger Geist.

Kein Zwang in der Religion: Al-Shawkānī

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 18. Mai 2013 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt übersetze ich (in größeren Abständen) muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang”. Für diejenigen, die es interessiert, stelle ich meine Übersetzungen online.

Al-Shawkānī (1760-1835) aus dem Jemen ist einer der herausragenden Protagonisten islamischer Reformbewegungen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, also einer Zeit, in der es noch nicht oder nicht primär um die Auseinandersetzung mit Europa ging, sondern eher um die Behebung als solcher empfundener innerer Missstände. Nach al-Shawkānīs Auffassung war das vor allem die mangelnde Orientierung der Gelehrten an Koran und Sunna. Auf der Grundlage seiner strikten, aber nicht unreflektierten oder rein buchstäblichen Quellenorientierung entwickelte er eine Methode der Auslegung des Korans, die er außerordentlich stringent und mit hoher analytischer Schärfe anwendete.

Die Gelehrten sind unterschiedlicher Auffassung über die Bedeutung von Gottes Aussage „In der Religion gibt es keinen Zwang“.

Die erste Ansicht ist, sie sei abrogiert [durch einen später geoffenbarten Vers ersetzt] worden, denn der Gesandte Gottes habe die Araber zum Islam gezwungen, bekämpft und nichts anderes von ihnen als den Islam akzeptiert. Die abrogierenden Verse seien in diesem Fall Q 9:73: „Prophet! Setze den Ungläubigen und den Heuchlern heftig zu!“ und Q 9:123: „Oh ihr, die ihr glaubt! Kämpft gegen diejenigen von den Ungläubigen, die euch nahe sind. Sie sollen merken, dass ihr hart sein könnte. Wisset, dass Gott mit denen ist, die ihn fürchten“ und Q 48:16: „Ihr werdet zu einem Volk aufgerufen werden, das über gewaltige Kampfkraft verfügt, um sie zu bekämpfen, falls sie sich nicht ergeben [oder: den Islam annehmen]“. Diese Auffassung haben viele Exegeten vertreten.

Die zweite Meinung lautet, dass der Vers nicht abrogiert worden sei, sondern sich vielmehr speziell auf die Schriftbesitzer beziehe. Diese werden nicht zum Islam gezwungen, sofern sie die Jizya bezahlen, sondern wer zum Islam gezwungen wird, das sind die Heiden. Von diesen wird nichts außer dem Islam akzeptiert; die Alternative ist das Schwert. Die Auffassung vertraten al-Shaʿbī, al-Ḥasan, Qatāda und al-Ḍaḥḥāk.

Die dritte Ansicht ist, dass dieser Vers sich speziell auf die anṣār (die medinensischen „Helfer“) bezieht; dazu später noch mehr.

Die vierte Ansicht ist, dass der Vers bedeutet, man solle nicht über denjenigen, der unter dem Schwert den Islam annahm, sagen, er sei gezwungen worden, denn es gebe keinen Zwang in der Religion.

Die fünfte Ansicht besagt, dass man Kriegsgefangene, die zu den Schriftbesitzern gehören, nicht zum Islam zwingen solle.

Ibn Kathīr schreibt in seinem Korankommentar: „Zwingt niemanden, der Religion des Islams beizutreten, denn diese ist klar und deutlich [als richtig erkennbar], und die Beweise für sie sind über jeden Zweifel erhaben. Daher ist es nicht nötig, jemanden zum Beitritt zu ihr zu zwingen, sondern wen Gott zum Islam leitet, wem er das Herz und die Augen öffnet, der tritt ihm erwiesenermaßen bei. Wessen Herz Gott aber blind macht und wessen Gehör und Blick er versiegelt, dem wird ein gewaltsam erzwungener Übertritt nichts nützen.“ Dies sollte als sechste Meinung angesehen werden.

[Al-Zamakhsharī] schrieb im Kashshāf in seiner Auslegung dieses Verses: „Er heißt: Gott lässt den Glauben nicht durch Zwang und Nötigung geschehen, sondern durch Befähigung und freie Wahl. Dementsprechend hat er gesagt: ‚Und wenn dein Herr gewollt hätte, wären die, die auf der Erde sind, alle zusammen gläubig geworden. Willst du nun die Menschen (dazu) zwingen, das sie gläubig werden?‘ (Q 10:99) Das heißt: Wenn er gewollt hätte, hätte er sie zum Glauben gezwungen. Aber das hat er eben nicht getan, sondern den Glauben auf die Grundlage freier Wahl gestellt. Dies sollte als siebte Meinung angesehen werden.

Was betont werden muss und erfordert, dass wir näher darauf eingehen, ist, dass der Vers dem Grund zufolge, bezüglich dessen er geoffenbart wurde, eindeutig gültig und nicht abrogiert ist. Dieser Grund bestand darin, dass, wenn eine Frau von den anṣār keinen überlebenden Sohn hatte, sich auferlegte, dass, wenn ein Sohn von ihr überlebe, sie ihn zum Juden mache. Als die Juden von den Banū l-Naḍīr [einer der jüdischen Stämme von Medina] vertrieben wurden, waren unter ihnen Söhne der anṣār, welche sagten: „Wir lassen unsere Söhne nicht ziehen!“ Daraufhin kam der Vers herab. Das überliefern Abū Dāwūd, al-Nasāʾī, Ibn Jarīr, Ibn al-Mundhir, Ibn Abī Ḥātim, Ibn Ḥibbān, Ibn Mardawaih, al-Baihaqī in den Sunan und al-Ḍiyāʾ in seiner Auswahl der Überlieferungen über Ibn ʿAbbās. Diese Geschichte existiert in verschiedenen Varianten, deren wesentlicher Punkt das ist, was Ibn ʿAbbās berichtete, mit Hinzufügungen, die umfassen, dass die anṣār sagten: „Wir haben ihnen ihre Religion, also die der Juden, gegeben, weil wir sahen, dass ihre Religion besser war als die unsere. Nun brachte Gott den Islam, und den zwingen wir ihnen auf.“ Als dann der Vers geoffenbart wurde, ließ Gott den Söhnen die Wahl und zwang sie nicht zum Islam. Dies hat zwingend zur Folge, dass die Schriftbesitzer nicht zum Islam gezwungen werden, wenn sie sich entscheiden, bei ihrer Religion zu bleiben, und die Jizya zahlen.

Was aber die Leute des Krieges [d.h., die Ungläubigen, die keine Schriftbesitzer sind] angeht,so umfasst der Vers sie auch, denn die Verneinung des unbestimmten Nomens [„Zwang“] in Kombination mit dem bestimmten Nomen [„Religion“] hat solch eine allgemeine Bedeutung zur Folge. Im Grundsatz folgt die Auslegung dem allgemeinen Wortlaut des Verses, nicht den Spezifika des Offenbarungsanlasses. Allerdings wird dieser allgemeine Wortlaut eingeschränkt durch die Verse, die darüber vorliegen, dass die Leute des Krieges unter den Ungläubigen zum Islam gezwungen werden.

[Es folgt die Auslegung des zweiten Versteils und des Folgeverses. Dann kommt, wie immer bei al-Shawkānī, ein zweiter Teil mit normalerweise unkommentierten Hadithen zum Vers, die er aus al-Suyūṭīs al-Durr al-manthūr entnommen hat.]

Eine Reihe von Exegeten [die al-Shawkānī namentlich aufzählt] führen den zuvor genannten, auf Ibn ʿAbbās zurückgehenden Offenbarungsanlass zu dem Satz „In der Religion gibt es keinen Zwang“ an. Er [Ibn ʿAbbās] fügte hinzu: Der Prophet stellte die Söhne vor die Wahl [beim Judentum zu bleiben oder den Islam anzunehmen]. Verschiedene [wiederum namentlich genannte] Exegeten überliefern von al-Shaʿbī eine ähnliche Geschichte. Dieser sagte [außerdem]: Zu ihnen, d.h. den Banū l-Naḍīr, hielt, wer nicht den Islam annahm; wer den Islam annahm, der blieb. Eine Reihe von [namentlich genannten] Exegeten berichtet über Mujāhid, dieser habe gesagt, einige der anṣār seien bei den Banū Quraiẓa [ein anderer jüdischer Stamm aus Medina] aufgezogen worden und hätten deren Religion fest angenommen. Als dann der Islam kam, wollten ihre Leute sie zum Islam zwingen, woraufhin der Vers herabkam. Ibn Jarīr [al-Ṭabarī] berichtet über al-Ḥasan Ähnliches.

Ibn Isḥāq und Ibn Jarīr überlieferten, Ibn ʿAbbās habe über den Vers gesagt, er sei geoffenbart worden mit Bezug auf einen Mann unter den anṣār, einen al-Ḥaṣīn aus der Sippe der Banū Sālim b. ʿAuf, der zwei christliche Söhne hatte. Er selber war Muslim. Er sagte zum Gesandten Gottes: „Soll ich sie nicht zwingen? Sie lehnen alles außerdem Christentum ab.“ Da sei der Vers herabgekommen. Eine andere Überlieferung über Ibn ʿUbaida sagt Ähnliches; ebenso berichten es eine Reihe weiterer [namentlich genannter] Überlieferer und Exegeten über al-Suddī. Eine Reihe von [namentlich genannten] Exegeten berichten über Qatāda, er habe gesagt: „Die Araber hatten keine Religion; sie wurden mit dem Schwert zur Religion gezwungen.“ Er sagte: „Zwingt nicht die Juden, und auch nicht die Christen und die Zoroastrier, sofern sie die Jizya bezahlen.“ Saʿīd b. Manṣūr überlieferte über al-Ḥasan Ähnliches. Al-Buḫārī überlieferte über Aslama: „Ich hörte, wie ʿUmar b. al-Khaṭṭāb [der zweite Kalif, 632-644] zu einer betagten Christin sagte: ‚Nimm den Islam an, dann wird es dir gut ergehen‘, doch sie lehnte ab. Da sagte ʿUmar: ‚Bei Gott, ich bezeuge‘, und er rezitierte ‚In der Religion gibt es keinen Zwang‘. Weiterhin überlieferten verschiedene [namentlich genannte] Überlieferer über ihn, er habe zu seinem Sklaven Zanbaq al-Rūmī gesagt: „Wenn du den Islam annähmest, würde ich dich um Hilfe bitten bei der Regierung der Muslime“, doch jener lehnte ab. Da sagte ʿUmar: „Es gibt keinen Zwang in der Religion.“ Schließlich überlieferten Ibn al-Mundhir und Ibn Abī Ḥātim über Sulaimān b. Mūsā über den Vers, er sei von Q 9:73 [s.o.] abrogiert worden.

Al-Shawkānī scheint hier zunächst einen klassischen enzyklopädischen Kommentar abzuliefern, der frühere Auslegungen zusammenstellt. Dabei geht er sehr systematisch vor und legt, anders als viele andere Kommentare, auch die Auffassungen von Exegeten wie Ibn Kathīr und al-Bayḍāwī, die sich nicht auf ältere Überlieferungen stützen, als eigene Auslegungen dar. Ebenfalls typisch für ihn sind der sehr sorgfältige Umgang mit den überlieferten Offenbarungsanlässen und die eigenständige Analyse. Er bewertet hier offenbar eine der verschiedenen als Offenbarungsanlass in Frage kommenden Geschichten, nämlich die über die kinderlosen Frauen von Medina, als besonders glaubwürdig. Anders als viele andere Exegeten leitet er aus dem Offenbarungsanlass jedoch nicht geradlinig ab, dass der Vers sich nur auf Schriftbesitzer beziehe, denn in sprachlicher Hinsicht sei die koranische Aussage „In der Religion gibt es keinen Zwang“ eindeutig als allgemeine Aussage formuliert. Sie werde jedoch durch andere koranische Aussagen, die sich auf Spezialfälle beziehen, eingeschränkt. Für al-Shawkānī hat der – sprachlich genau zu untersuchende – Wortlaut des Korans hier also zentrale Bedeutung als exegetisches Prinzip. Andere koranische Aussagen schränken die generelle Bedeutung des Verses zwar ein, er ist aber nicht von vornherein einschränkend gemeint. Anscheinend geht al-Shawkānī also von einer Art Teilabrogation – einer Abrogation des Verses nur mit Bezug auf die Nicht-Schriftbesitzer unter den Nichtmuslimen – aus.

Chancengleichheit und Begabtenförderung

Ein Beitrag zum Themengebiet Gesellschaft, Wissenschaft, geschrieben am 4. Februar 2013 von Johanna

Seit Jahren arbeite ich immer mal wieder an Auswahlverfahren zweier Begabtenförderungswerke mit, durch Auswahlseminare, Vorschläge oder Auswahlgespräche. Oft habe ich zu den Auswahlverfahren beigetragen, war aber nicht immer an der abschließenden Entscheidung beteiligt. Je mehr ich die Ergebnisse dieser Auswahlverfahren verfolge, desto mehr stellt sich mir die Frage, ob es bei den Auswahlkriterien nicht ein grundlegendes Problem gibt.

Die Begabtenförderungswerke diskutieren ja seit einigen Jahren die Tatsache, dass bei den meisten von ihnen – auch den linken – Studierende aus Akademikerhaushalten extrem stark überwiegen. Dafür sind diverse Ursachen ins Feld geführt worden, z.B. der psychologische Effekt, dass Auswählende unbewusst Bewerberinnen und Bewerber auswählen, die ihnen ähnlich sind, oder dass Studierende aus Nichtakademikerfamilien oft weniger selbstbewusst auftreten und nicht so gut darin sind, sich zu verkaufen. Stimmt sicher alles, ist aber durch Bewusstseinsänderung bei den Auswählenden zumindest zum Teil zu beeinflussen – ich jedenfalls gebe mir Mühe, mir diesen Prozess bewusst zu machen. Die Stiftungen äußern alle den Wunsch, den Anteil von Studierenden aus bildungsfernen Milieus, auch von Migranten, unter den von ihnen Geförderten, deutlich zu erhöhen.

Ich kann mich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass das Problem nicht so leicht zu beheben ist, solange man „soziales Engagement“ (politische Stiftungen) oder „vielfältige Interessen und einen breiten Horizont“ zu unverzichtbaren Auswahlkriterien macht. Das führt nämlich – so die Beobachtung, die ich jetzt mehrfach sehr deutlich gemacht habe – dazu, dass die Studierenden mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, die über ein Austauschjahr in Südamerika sowie musikalische und künstlerische Hobbys seit frühester Kindheit verfügen, ebenso klar im Vorteil sind wie diejenigen, die nicht 20h/Woche jobben müssen, um sich zu finanzieren, und daher in der Lage sind, Kindertheater, Leseförderung oder Parteiarbeit zu betreiben. Natürlich gibt es hin und wieder auch z.B. türkischstämmige Bafög-Empfänger, die sozial engagiert sind, die halbe Weltliteratur auswendig kennen usw., und ich bin von deren Leistung extrem beeindruckt, vor allem, wenn ich überlege, wie leicht mir selbst so etwas gemacht wurde. Aber es gibt eben auch exzellente, motivierte Studierende mit einer reifen Persönlichkeit, für die es angesichts ihrer Herkunft schon eine überaus beeindruckende Leistung ist, sich an einer deutschen Uni behaupten und gleichzeitig noch ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Oder solche, die vielleicht an der Uni erst langsam entdecken, was für Möglichkeiten das Leben so bietet, und denen die Förderung durch ein Begabtenförderungswerk diesen Prozess deutlich erleichtern würde. Ich habe Studenten, die als junge Erwachsene aus Afrika nach Deutschland gekommen sind und sich selbst finanzieren. Sollen die vielleicht noch nebenher Bratsche lernen und der SPD beitreten? Ich finde, wenn die ihr Studium mit sehr guten Leistungen in der Regelstudienzeit durchziehen, dann ist das verdammt viel und jedes Begabtenförderungswerk sollte aufmerksam auf sie werden, anstatt sie in der Vorauswahl rauszuschmeißen. Mir sind solche Personen allemal lieber als die langweiligen Parteischranzen, die man bei den politischen Stiftungen immer so hat, oder die 08/15 aquarellmalenden höheren Töchter, die man bei der Studienstiftung gern zu Gesicht bekommt (der Fairness halber: Die bekommen meist auch kein Stipendium, wenn nicht noch mehr dahintersteckt).

Entscheidend sollte sein, was jemand aus seinen oder ihren Möglichkeiten gemacht hat UND was für ein Potenzial er oder sie besitzt, um in Zukunft noch viel mehr aus diesen Möglichkeiten zu machen. Wenn eine herausragende Absolventin mit einem fundierten, spannenden und auch noch gesellschaftlich relevanten Promotionsprojekt schon in der Vorauswahl rausfliegt, obwohl sie die angeblich so begehrten Kriterien Migrationshintergrund und Nichtakademikereltern erfüllt, dann kann es mit der Begehrtheit dieser Kriterien nicht so weit her sein – da mag sich das betreffende Begabtenförderungswerk noch so sehr hinter fehlenden musisch-künstlerisch-sozial-naturwissenschaftlichen Interessen verstecken.

In der Religion gibt es keinen Zwang: Al-Qurṭubī

Ein Beitrag zum Themengebiet Allgemein, Islam, Wissenschaft, geschrieben am 22. November 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.

Al-Qurṭubīs (st. 1272) monumentaler Korankommentar Al-Jāmiʿ li-aḥkām al-Qurʾān ist einer der Höhepunkte der enzyklopädischen Exegesetradition, also solcher Werke, die versuchen, alle existierenden Auslegungen zusammenzustellen, zu ordnen, bisweilen zu bewerten und bisweilen eigene Meinungen hinzuzufügen; oft lassen sie sie aber auch unkommentiert nebeneinander stehen. Al-Qurṭubī stammte, wie sein Name („Mann aus Cordoba“) nahelegt, aus Andalusien und starb in Kairo; er war ein eminenter malikitischer Rechtsgelehrter.

[…] Unter den Gelehrten gibt es zu diesem Vers sechs verschiedene Meinungen.

  1. Es heißt, der Vers sei abrogiert worden, denn der Prophet habe die Araber zum Islam gezwungen und gegen sie gekämpft, ohne von ihnen abzulassen, bis sie den Islam annahmen. Dies meinte Sulaymān b. Mūsā, der sagte, der Vers sei durch Q 9:73 („Oh Prophet! Bekämpfe die Ungläubigen und die Heuchler“) abrogiert worden. Dies überlieferten auch Ibn Masʿūd und Kathīr über die [frühen] Exegeten.
  2. Der Vers sei nicht abrogiert, sondern allein mit Bezug auf die Schriftbesitzer geoffenbart worden. Denn diese sollen nicht zum Islam gezwungen werden, sofern sie die Jizya zahlen; gezwungen werden vielmehr die Heiden, von denen nichts als der Islam akzeptiert wird und auf die sich Q 9:73 bezieht. Dies meinen al-Shaʿbī, Qatāda, al-Ḥasan und al-Ḍaḥḥāk. Der Beleg für diese Meinung ist eine Überlieferung Zayd b. Aslams über seinen Vater, der berichtete, er habe ʿUmar b. al-Khaṭṭāb zu einer christlichen Greisin sagen gehört: „Nimm den Islam an, oh Greisin, bekehre dich! Gott hat mit Muḥammad mit der Wahrheit gesandt.“ Da sagte sie: „Ich bin hochbetagt und der Tod ist mir nahe!“ ʿUmar antwortete: „Gott sein dafür Zeuge“, und er rezitierte „Es gibt keinen Zwang in der Religion.“
  3. Die Meinung, die Abū Dāwūd über Ibn ʿAbbās überlieferte, der sagte, der Vers sei mit Bezug auf die anṣār geoffenbart worden. Wenn unter ihnen eine Frau keinen überlebenden Sohn gehabt habe, habe sie ein Gelübde abgelegt, dass sie, falls sie einen Sohn haben werde, der überlebe, diesen zum Judentum übertreten lassen werde. Als nun die Banū al-Naḍīr vertrieben wurden, waren unter ihnen viele Söhne der anṣār. Sie [die anṣār] sagten: Wir geben unsere Söhne nicht her! Daraufhin offenbarte Gott diesen Vers. […] In einer Überlieferung heißt es: Wir taten dies, weil wir meinten, dass ihre Religion [d.h. die jüdische] besser sei als unsere. Als Gott aber den Islam brachten und wir sie zu ihm zwingen wollten, wurde der Vers „In der Religion gibt es keinen Zwang“ geoffenbart. Wer will, soll bei ihnen [den Juden] bleiben, und wer will, soll den Islam annehmen. Das meinen Saʿīd b. Jubayr, al-Shaʿbī und Mujāhid, der allerdings sagte, der Grund dafür, dass sei bei den Banū al-Naḍīr gewesen seien, sei gewesen, dass deren Frauen ihre Ammen gewesen seien. Al-Naḥḥās meinte, die Ansicht von Ibn ʿAbbās sei die wahrscheinlichste, weil ihr isnād [Überliefererkette] unanfechtbar sei und weil man allein mit dem Verstand keine gleichwertige Auslegung erzielen werde.
  4. Al-Suddī meinte, der Vers sei mit Bezug auf einen Mann von den anṣār geoffenbart worden, der Abū Ḥuṣayn hieß und zwei Söhne hatte. Es kamen Händler mit Öl aus Syrien nach Medina. Als sie die Stadt wieder verlassen wollten, kamen die beiden Söhne al-Ḥuṣayns zu ihm, und die Händler bekehrten sie zum Christentum, woraufhin die beiden mit ihnen nach Syrien abreisten. Ihr Vater ging zum Propheten, um sich über die Angelegenheit zu beschweren; er wollte, dass der Prophet die beiden zurückholen lasse. Da wurde der Vers „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ geoffenbart, und es wurde damals nicht befohlen, die Schriftbesitzer zu bekämpfen. Der Prophet sagte: „Gott entfernte sie [von uns]; sie sind die ersten, die ungläubig wurden!“ Abū al-Ḥuṣayn aber grollte dem Propheten, als dieser seine Söhne nicht zurückholen ließ. Da sandte Gott der Erhabene folgenden Vers herab: „Aber nein, bei deinem Herrn, sie glauben nicht – bis sie dich zum Richter machen über das, was zwischen ihnen strittig ist.“ (Q 4:65). Dann hat Gott dieser exegetischen Meinung zufolge den Vers „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ abrogiert und in der neunten Sure den Kampf gegen die Schriftbesitzer befohlen. Der richtige Offenbarungsanlass von Q 4:65 aber ist ein Hadith über einen Streit zwischen al-Zubayr und seinem Nachbarn über die Bewässerung, wie ich dort näher erläutern werde, so Gott will.
  5. Es wurde auch gesagt, die Bedeutung des Verses sei, man solle nicht zu jemandem, der unter dem Schwert den Islam angenommen hat, sagen, er sei mit Gewalt gezwungen worden; das ist die fünfte Meinung.
  6. Die sechste Meinung lautet, der Vers sei mit Bezug auf Kriegsgefangene niedergelegt worden. Wenn sie Schriftbesitzer seien, dann sollten sie nicht gezwungen werden, sofern sie volljährig sind; wenn sie aber Zoroastrier, gleich ob jung oder alt, oder Heiden seien, dann sollten sie zum Islam gezwungen werden, denn wer sie gefangen nimmt, hat keinen Nutzen von ihnen, solange sie Heiden sind. Schließlich kann er das von ihnen Geschlachtete nicht essen und nicht mit ihren Frauen verkehren, wo sie doch den Verzehr von Aas, unreinen Tieren und anderem für religiös erlaubt halten, so dass ihr Eigentümer sie unrein findet und es ihm unmöglich ist, sie als Eigentum zu nutzen. Daher dürfe er sie zwingen. So überlieferte es Ibn Qāsim von Mālik. Ashhab hingegen sagte: „Sie gehören der Religion dessen an, der sie gefangennahm. Wenn sie sich weigern, dann werden sie zum Islam gezwungen. Die Minderjährigen aber haben keine Religion; daher werden sie zum Beitritt zur Religion des Islams gezwungen, damit sie nicht einer nichtigen Religion zufallen. Was aber die übrigen Arten des Unglaubens angeht, so gilt, dass seine Anhänger, wenn sie die Jizya zahlen, nicht zum zum Islam gezwungen werden, gleich ob sie Araber oder nicht Araber, Quraysh oder andere sind.“ Das und was die Gelehrten über die Jizya und diejenigen, von denen sie akzeptiert wird, sagen, kommt im Kommentar zur neunten Sure, so Gott will.

Al-Qurṭubī bezieht zu den zitierten Auslegungen nicht klar Stellung, distanziert sich aber von der vierten. Die sechste zitierte Auslegung ist deutlich ahistorisch und spiegelt eher die Anliegen von al-Qurṭubīs Zeit wider, unter anderem das Militärsklaventum, dessen Grundvoraussetzung die Islamisierung minderjähriger Kriegsgefangener war.

Kein Zwang in der Religion: Al-Samarqandī und al-Fīrūzābādī

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 22. November 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.

Al-Samarqandī und al-Fīrūzābādī sind zwei sehr unterschiedliche Exegeten, zwischen denen mehrere Jahrhunderte liegen. Al-Samarqandī (st. um 1000) stammte, wie sein Name vermuten lässt, aus dem Osten der islamischen Welt, al-Fīrūzābādī (st. 1415) aus dem Iran, hielt sich aber überwiegend in Jerusalem, Mekka und dem Jemen auf. Beide haben relativ knappe Korankommentare verfasst und sind hier zusammengefasst, weil sie in ihrer Auslegung von Koran 2:256 auf die äußerst liberale Auslegung von Muqātil b. Sulaymān zurückzugreifen scheinen, die in den meisten anderen Korankommentaren keine Rolle spielt (soweit ich es bisher überblicken kann).

Al-Samarqandī schreibt: „Übt auf niemanden Zwang in der Religion aus, nachdem Mekka erobert wurde und die Araber den Islam angenommen haben. ‚Der rechte Weg ist klar geworden gegenüber dem Irrweg‘, das heißt, die göttliche Rechtleitung ist gegenüber dem Irrweg klar geworden. Manche sagen auch, es heiße, der Islam sei klar gegenüber dem Unglauben erkennbar geworden; wer den Islam annehme, [der kann dies tun]; sonst obliegt ihm die Zahlung der Jizya und er wird nicht zum Islam gezwungen.“

Al-Fīrūzābādī schreibt: „Keiner von den Schriftbesitzern und den Zoroastriern soll zum tawḥīd [Bekenntnis zur Einheit und Einzigkeit Gottes] gezwungen werden, nachdem die Araber den Islam angenommen haben.“

Al-Samarqandīs Auslegung differenziert überhaupt nicht zwischen verschiedenen Arten Nichtmuslimen, sondern lehnt – wie dies auch Muqātil tut – Zwang in der Religion pauschal ab. Al-Fīrūzābādī nimmt eine Beschränkung auf Schriftbesitzer und Zoroastrier in seinen Vers auf, die nicht so recht zu dem Bezug auf die Annahme des Islams durch die Araber (der auf Muqātil zurückgeht) passt. Immerhin ergänzt er hier jedoch die Schriftbesitzer, wohl aufgrund seiner iranischen Herkunft, durch die Zoroastrier, und seine Formulierung von der Annahme des tawḥīd deutet darauf hin, dass es erlaubt sein kann, Polytheist zu bleiben.

Kein Zwang in der Religion: Jamāl al-Dīn al-Qāsimī

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 25. Oktober 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.


Jamāl al-Dīn al-Qāsimī (1866-–1914) war ein Vertreter der so genannten frühen Salafiyya-Bewegung, einer islamischen Reformbewegung, die um die Wende zum 20. Jahrhundert eine Anpassung des Islams an die Bedingungen der Moderne anstrebte mit dem Ziel, die islamische Welt gegenüber dem Kolonialismus zu stärken. Er kam aus einem Damaszener Gelehrtenmilieu und näherte sich als junger Mann zunehmend reformistischen Ideen an; mit den Ägyptern Muḥammad ʿAbduh und Rashīd Riḍā stand er im Austausch. Sein umfangreicher Korankommentar Maḥāsin al-taʾwīl ist unter heutigen muslimischen Exegeten vielleicht noch beliebter als der im Westen weit bekanntere Tafsīr al-Manār Rashīd Riḍās, wohl weil al-Qāsimī vormoderne Traditionen der Koranexegese und des Rechts stärker berücksichtigt und mit seinen reformistischen Ideen in Einklang zu bringen sucht.

„In der Religion gibt es keinen Zwang. Der rechte Weg ist klar geworden gegenüber dem Irrweg.“ Ibn Kathīr meint dazu: „Das heißt: Zwingt niemanden, der Religion des Islams beizutreten, denn diese ist klar und deutlich [als richtig erkennbar], und die Beweise für sie sind über jeden Zweifel erhaben. Daher ist es nicht nötig, jemanden zum Beitritt zu ihr zu zwingen, sondern wen Gott zum Islam leitet, wem er das Herz und die Augen öffnet, der tritt ihm erwiesenermaßen bei. Wessen Herz Gott aber blind macht und wessen Gehör und Blick er versiegelt, dem wird ein gewaltsam erzwungener Übertritt nichts nützen.“ Die Verneinung ist hier im Sinne eines Verbotes zu verstehen.

So legen viele den Vers aus. Andere verstehen ihn als rein ontologische Aussage [khabar], nämlich dass Gott den Glauben nicht auf Zwang und Gewalt gründete, sondern auf die Befähigung zu ihm und die Wahlfreiheit. Al-Qaffāl sagte zur Erklärung, dass Gott, nachdem er die Beweise für den tawḥīd [die Einheit und Einzigkeit Gottes] so klar dargelegt habe, dass kein Raum für Ausflüchte bleibe, nun mitteile, dass nach der Darlegung dieser Beweise dem Ungläubigen keine Entschuldigung [gegenüber Gott] für das Verharren im Unglauben bleibe, wenn er nicht zum Glauben gezwungen und genötigt werde; dies aber ist nicht erlaubt in dieser Welt, die eine Welt der Prüfung ist! Denn durch den gewaltsamen Zwang zum Glauben wird der Sinn der Prüfung, des Auf-die-Probe-Stellens, ad absurdum geführt. Man betrachte dazu folgende Verse: „Wer will, der glaube, und wer da will, der bleibe ohne Glauben!“ (Q 18:29) und „Hätte dein Herr gewollt, so würden alle auf der Erde gläubig werden, insgesamt. Willst du die Menschen etwa zwingen, dass sie gläubig werden?“ (Q 10:99) und „Vielleicht wirst du niedergeschlagen sein, dass sie nicht gläubig sind. Wenn wir es wollen, senden wir vom Himmel ein Zeichen auf sie herab, vor dem sie ihre Nacken gebeugt halten müssen.“ (Q 26:3-4).


Erläuterung:

Dieser Vers macht deutlich, dass das Schwert des Jihad, das weder durch die Handlungen der Gerechten noch der Ungerechten außer Kraft gesetzt wird, nicht eingesetzt wurde, um den Beitritt zum Islam zu erzwingen, sondern zum Schutz des Aufrufs zur Religion und der Unterwerfung unter ihren Herrscher und dessen gerechtes Urteil. […]


Al-Qāsimī möchte also einerseits den Jihad gegenüber westlichen Vorwürfen, er habe zur Verbreitung des Islams „mit Feuer und Schwert“ gedient, verteidigen und andererseits die Ansicht derjenigen Reformisten zurückweisen, die den bewaffneten Jihad komplett für ungültig erklären wollen.

Kein Zwang in der Religion: Muqātil b. Sulaymān

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 23. August 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.


Muqātil b. Sulaymān (st. 767 oder später) war der Verfasser des wohl ältesten erhaltenen vollständigen Korankommentars. Das Werk ist daher für die Untersuchung der Entstehung und frühen Entwicklung der muslimischen Koranexegese von besonderer Bedeutung. Es hat einen stark narrativen Charakter und speist sich offenbar zu einem erheblichen Teil aus der Tradition der Geschichtenerzähler. Manche spätere Exegeten lehnten Muqātil daher als unzuverlässig ab.

„In der Religion gibt es keinen Zwang“ gegenüber irgendjemandem, seitdem die Araber den Islam angenommen haben, sofern er nur die Jizya bezahlt. Denn der Prophet nahm die Jizya [zuerst] nur von den Schriftbesitzern an; und nachdem die Araber wohl oder übel den Islam annehmen mussten, nahm er von den übrigen den Kharaj entgegen. Als er an al-Mundhir b. Sāwī und die Bewohner von Hajar [im Osten der Arabischen Halbinsel] einen Aufruf, den Islam anzunehmen, sandte, schrieb er: „Von Muhammad, dem Gesandten Gottes, an die Bewohner von Hajar. Friede sei auf denjenigen, die der Rechtleitung folgen. Wer unser Glaubensbekenntnis ablegt; wer Fleisch verzehrt, das nach unserem Ritus geschlachtet ist; wer unsere Gebetsrichtung annimmt; und wer sich zu unserer Religion bekennt – der ist Muslim, dem der Schutz Gottes und seines Gesandten zukommt. Wenn ihr den Islam annehmt, dann obliegt euch das, was dieser Religion gemäß ist: Der Zehnte der Datteln, und der Zwanzigste des Getreides. Wer den Islam ablehnt, der muss die Jizya entrichten.“ Al-Mundhir schrieb dem Propheten zurück: „Ich habe dein Schreiben an die Bevölkerung von Hajar gelesen. Unter ihnen haben sich manche zum Islam bekehrt und andere dies abgelehnt. Die Juden und Zoroastrier haben sich für die Jizya und gegen den Islam entschieden.“ Der Prophet nahm von ihnen die Jizya an. Die Heuchler unter den Bewohnern Medinas sagten daraufhin: „Muhammad hat behauptet, er werde nicht befehlen, dass die Jizya von irgendjemandem außer von den Schriftbesitzern genommen wird; wie kommt er dann dazu, sie von den Zoroastriern aus Hajar anzunehmen, wo er dies doch unseren Vätern und Brüdern verweigerte und sie deswegen bekämpfte?“ Dieses Gerede bekümmerte die Muslime, und sie trugen es dem Propheten zu. Da offenbarte Gott den Vers: „O ihr, die ihr glaubt! Ihr habt für euch selbst zu sorgen.“ (Q 5:105) und er offenbarte „In der Religion gibt es keinen Zwang“, nachdem die Araber den Islam angenommen haben.


Muqātils Kommentar zu 2:256 ist interessant, weil er eine sehr liberale Deutung vorlegt, die in der späteren Exegese nicht mehr aufgegriffen wird, wohl weil sie mit Grundannahmen des islamischen Rechts, das zu Muqātils Zeit gerade erst anfing sich zu entwickeln, nicht übereinstimmt: Während Muqātil die Auffassung vertritt, dass nach der Islamisierung der Arabischen Halbinsel alle Nichtmuslime gegen Zahlung der Jizya unbehelligt auf islamischen Territorium leben dürften, beschränkt das islamische Recht dies auf Schriftbesitzer.

Kein Zwang in der Religion: Al-Bayḍāwī

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 22. August 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.

ʿAbdallāh b. ʿUmar al-Bayḍāwī (st. 1316) stammt aus einer schafiitischen Juristenfamilie aus Schiraz, wo er überwiegend lebte und das Richteramt innehatte. Sein Korankommentar wurde lange Zeit als eine von mu’tazilitischen Elementen befreite Rezension des in den Madrasen sehr verbreiteten Kashshāf von al-Zamakhsharī angesehen. Tatsächlich war al-Zamakhsharī die wichtigste Quelle; es gab aber wohl noch weitere, und die eigene Leistung des Exegeten ist nicht zu unterschätzen. Al-Bayḍāwīs Kommentar erlangte ebenfalls in den Madrasen große Beliebtheit; er galt aus orthodox-sunnitischer Sicht als unbedenklicher als der Kashshāf. Deswegen und aufgrund seiner Kürze ist er auch heute sehr verbreitet und in viele Sprachen der islamischen Welt übersetzt.

Wie viele Exegeten bespricht auch al-Bayḍāwī die erste Hälfte von Koran 2:256 als Einheit: „In der Religion gibt es keinen Zwang. Der rechte Weg ist klar geworden gegenüber dem Irrweg.“

„Es gibt keinen Zwang in der Religion,“ denn der Zwang ist in Wirklichkeit die Nötigung des anderen zu einer Handlung, in der er nichts Gutes sieht, das ihn zu ihr veranlassen würde. Jedoch „der rechte Weg ist klar geworden gegenüber dem Irrweg“ , der Glauben hebt sich gegenüber dem Unglauben durch klare Zeichen hervor, und alle Beweise deuten darauf hin, dass der Glaube eine Rechtleitung darstellt, die zur ewigen Glückseligkeit führt, und der Unglaube ein Irrweg, der zu ewigen Qualen führt. Der Verständige wird, nachdem ihm dies erklärt worden ist, sogleich den Glauben wählen im Streben nach dem ewigen Heil und der Errettung und wird keinen Zwang und keine Nötigung brauchen.

Vor der Darlegung der Bedeutung des Verbots, nämlich „übt keinen Zwang in der Religion aus“, muss man entscheiden, ob es von allgemeiner Bedeutung ist [d.h. alle Glaubensgruppen betrifft] und abrogiert durch Gottes Wort „Bekämpfe die Ungläubigen und die Heuchler und setze ihnen hart zu“ (Q 9:73) oder ob es sich ausschließlich auf die Schriftbesitzer bezieht aufgrund der folgenden Überlieferung: „Einer von den anṣār hatte zwei Söhne, die vor der Sendung Muhammads zum Christentum übergetreten waren. Sie trafen in Medina ein, und ihr Vater nötigte sie mit den Worten: ‚Bei Gott, ich lasse euch nicht eher bei mir ein, als bis ihr den Islam angenommen habt.‘ Sie lehnten dies ab. Schließlich trugen sie alle ihren Streit zum Gesandten Gottes. Der anṣārī sagte: ‚Gesandter Gottes, soll ich zusehen, wie mein Nachwuchs in die Hölle kommt?‘ Da wurde der Vers geoffenbart, und er ließ seine Söhne in Frieden.“

Kein Zwang in der Religion: Muhammad Quraish Shihab

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 13. Juli 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.

Muhammad Quraish Shihab (geb. 1944), indonesischer Islamgelehrter, der vor allem mit Publikationen zur Koranexegese Bekanntheit erlangt hat. Die vorliegende Übersetzung stammt aus seinem fünfzehnbändigen Korankommentar „Tafsir al-Mishbāh“ (2000-2003). Er hatte Positionen in staatlichen Institutionen und kurzzeitig auch als Religionsminister zum Ende der Suharto-Ära inne; heute ist er unter anderem im Bildungsbereich aktiv mit dem Ziel, seine Koranauslegung, die der Tradition der ägyptischen Azhar verpflichtet ist und gleichzeitig reformistische Aspekte aufweist, zu verbreiten.

Koranübersetzung des Kommentators: Es gibt keinen Zwang (sich) zur Religion (des Islams zu bekennen) [Tidak ada paksaan untuk (menganut) agama (Islam)].

Nachdem den vorangegangenen Versen zufolge für alle Menschen klar geworden ist, wer Gott ist und was sein Wesen ist, damit er angebetet wird, und dass es Pflicht ist, der Religion zu folgen, die er festgelegt hat, und nachdem ebenso klar geworden ist, dass er über eine Macht verfügt, der man nichts entgegensetzen kann, könnte man zu dem Schluss kommen, dass Gott aufgrund der genannten Umstände seine Geschöpfe zwingen könnte, seine Religion anzunehmen, besonders angesichts dieser seiner unbezwingbaren Macht. Um diese Annahme zurückzuweisen, wurde Vers 256 geoffenbart.

Es gibt keinen Zwang im Glauben an eine Religion. Warum sollte es Zwang geben, wo doch Gott niemanden braucht; warum sollte es Zwang geben, wo er doch, wenn er es gewollt hätte, gewiss uns alle zu einer umma gemacht hätte. Es muss gesagt werden, dass das, was hier mit es gibt keinen Zwang gemeint ist, die Annahme eines Glaubens ist. Das heißt, wenn jemand bereits einem Glauben anhängt, sagen wir, dem islamischen Glauben, dann ist er an dessen Gebote gebunden, er muss seine Gesetze ausführen. Er ist von Sanktionen bedroht, wenn er seine Regelungen verletzt. Er kann nicht sagen „Gott hat mir die Freiheit gegeben, zu beten oder nicht zu beten, Unzucht zu treiben oder zu heiraten.“ Denn wenn er einmal seinen Glauben angenommen hat, dann muss er dessen Gebote einhalten.

Noch etwas zur Unterstreichung dieses Verses, Es gibt keinen Zwang im festen Glauben an eine Religion: Gott will, dass alle Menschen inneren Frieden finden. Seine Religion heißt Islam, das heißt Frieden. Innerer Friede kann nicht erreicht werden, wenn die Seele keine Ruhe findet. Zwang hat zur Folge, dass die Seele keine Ruhe findet; aus diesem Grund gibt es keinen Zwang im Glauben an die Religion des Islams.

Warum sollte es Zwang geben, wenn doch der rechte Weg schon klar geworden ist gegenüber dem Irrweg? Wenn das so ist, dann ist es nur natürlich, dass alle Reisenden den rechten Weg wählen und sich nicht für den Irrweg einnehmen lassen. Es ist nur natürlich, dass alle dieser Religion beitreten. Sicher ist etwas falsch in der Seele eines Menschen, der unwillig ist, dem geraden Weg zu folgen, nachdem dieser ihm deutlich im Blick liegt. […]

Es gibt keinen Zwang daran, an eine Religion zu glauben, weil der gerade Weg klar geworden ist. Daher begehen Geisteskranke, Minderjährige und Menschen, die die Regeln der Religion nicht kennen, keine Sünde, wenn sie sie verletzen oder nicht daran glauben, denn ihnen ist der klare Weg noch nicht ersichtlich geworden. Aber sag nicht, dass du es nicht weißt, wenn du das Potenzial besitzt, es zu wissen, aber dieses Potenzial nicht nutzt! Hierfür wirst du zur Rechenschaft gezogen, weil du das Potenzial, das du besitzt, verschwendest.

Es gibt auch Menschen, die den Vers in folgender Bedeutung verstehen: Der rechte [Weg] ist klar geworden; es ist klar geworden, worin er sich von dem Irrweg unterscheidet; und es ist klar geworden, dass der eine Nutzen bringt und der andere zum Scheitern führt. Wenn das so ist, ist Zwang nicht nötig, denn man zwingt nur jemanden, der die Konsequenzen des Nichtwissens nicht erleiden will. Hier jedoch ist der Weg schon klar geworden, so dass kein Zwang nötig ist. Du zwingst vielleicht ein Kind, bittere Medizin zu trinken, weil du weißt, dass diese Medizin unabdingbar ist, um die Krankheit zu heilen, an der es leidet.

Kein Zwang in der Religion: Maududi

Ein Beitrag zum Themengebiet Islam, Wissenschaft, geschrieben am 13. Juli 2011 von Johanna

Für ein zukünftiges Buchprojekt habe ich begonnen, unterschiedlichste muslimische Korankommentare zu Koran 2:256: “In der Religion gibt es keinen Zwang” zu übersetzen. Für diejenigen, die es interessieren mag, stelle ich meine Übersetzungen in loser Folge online.

Abu l-A‘la al-Maududi (1903-1979), indisch-pakistanischer Intellektueller und einer der wichtigsten Vordenker des politischen Islams. Sein kurzer Korankommentar, der die Form einer annotierten Übersetzung hat, erschien zunächst in journalistischer Form in Urdu und wurde später ins Englische übersetzt; in beiden Sprachen ist er weit verbreitet, vor allem im Internet. Ihm ging es um die Interpretation des Islams als allumfassende Ordnung, deren Umsetzung einen islamischen Staat und die vollständige Anwendung islamischen Rechts erfordere. Ich stütze mich hier auf die englische Übersetzung und nicht auf das Original, insofern ist eine gewisse Zurückhaltung angebracht. Maududi ist aber zu wichtig für spätere islamistische Exegeten, als dass man ihn unterschlagen könnte.

Eine Anmerkung zum Kommentar: Maududi ordnet – typisch für ihn und viele andere moderne Korankommentatoren, aber höchst untypisch für vormoderne Exegeten – den einzelnen Koranvers in einen größeren Zusammenhang ein, betrachtet umfangreiche Passagen als Einheit und stellt Querbezüge her. Einige dieser Verweise habe ich bei der Übersetzung weggelassen, aber vor allem der Verweis auf den zweiten Teil von Q 2:256 ist für Maududis Auslegung zentral.

[…] die Aufklärung eines Missverständnisses, das oft bei unwissenden Menschen entsteht. Dieses Missverständnis rührt von der falschen Annahme her, dass Gott seine Propheten gesandt habe, damit alle Verschiedenartigkeit und Uneinigkeiten beendet würden. Die Menschen, die diese Annahme für wahr hielten, sahen jedoch erhebliche Verschiedenartigkeit und Uneinigkeiten, und ihnen war bewusst, dass Falschheit Seite an Seite mit der Wahrheit existierte. Sie waren von dem Gedanken verstört, dass dieser Zustand auf Gottes Hilflosigkeit hindeuten könne; dass es Gott nicht gelungen sei, alles Böse auszulöschen, das er auslöschen wollte. Als Reaktion darauf wurde darauf hingewiesen, dass es nicht Gottes Wille sei, alle Menschen zu zwingen, ein- und demselben Weg zu folgen. Wenn es so gewesen wäre, hätte der Mensch nicht von dem Weg abweichen können, den Gott für ihn vorgesehen hat. […] Schließlich wird deutlich gemacht dass unabhängig von der Vielzahl der Glaubenslehren, Sichtweisen und Arten der Lebensführungen, die sich in dieser Welt finden, die Wahrheit, die der Ordnung des Universums zugrunde liegt, diejenige ist, die in diesem Vers dargestellt wird [„Der rechte Weg ist klar geworden gegenüber dem Irrweg. Wer nicht an die Götzen glaubt, sondern an Gott, der hat den stärksten Halt ergriffen, der nicht reißt. Gott ist hörend, wissend.“]; sie wird von den Fehlannahmen der Menschen nicht berührt. Andererseits jedoch hat Gott nicht das Ziel, die Menschen zu zwingen, sie anzunehmen. Wer immer sie annimmt, wird finden, dass es zu seinem eigenen Nutzen ist; wer sie ablehnt, wird finden, dass das Ergebnis zu seinem Schaden ist.

„Religion“ [dīn] bedeutet hier den Glauben an Gott, wie er in dem vorangehenden Thronvers [Q 2:255] dargestellt ist, und die gesamte Ordnung des Lebens, die darauf ruht. Der Vers besagt, dass das System des Islams, das Glaube, Moral und Handeln beinhaltet, nicht durch Zwang auferlegt werden kann. Dies sind keine Angelegenheiten, die man Menschen mit Gewalt auferlegen kann.